Sport : Hertha BSC: Keine Punkte für die Fans

Klaus Rocca

Gerade einmal 14 Minuten stand er auf dem Platz. Vielleicht hat sich Sebastian Deisler gewünscht, es wären noch weniger gewesen. Für ihn waren es demütigende 14 Minuten. Pfiffe schon bei der Namensnennung, Pfiffe beim Einwechseln, Pfiffe bei jeder Ballberührung, Rufe wie "Deisler ist ein Bayern-Schwein", Plakate mit Reimen wie "Deisler hat kein Hertha-Herz, geh doch schon im März" - der einstige Liebling der Fans wurde in jeder Sekunde seines Kurzauftritts im Olympiastadion schmerzlich gewahr, dass er bei seinem Comeback nach fünfmonatiger Verletzungspause höchst ungelitten war. Da geriet fast zur Nebensache, dass Hertha BSC mit dem 2:0 (2:0) gegen den 1. FC Nürnberg im siebenten Spiel unter Falko Götz den sechsten Sieg bei 22:2 Toren feierte und gut im Geschäft um einen Champions-League-Platz bleibt.

Zum Thema Fotostrecke I: Bilder der Saison 01/02
Fotostrecke II: Hertha Backstage
Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Für Dieter Hoeneß ist Hertha dennoch kein Spitzenklub. Jedenfalls nicht, was die Fans angeht. "Für diese Missfallenskundgebungen habe ich kein Verständnis. Damit trifft man nicht nur Sebastian, sondern auch die Mannschaft. Das stimmt mich sehr traurig", sagte der Manager. Es sei doch ein ganz normaler Vorgang, wenn ein Spieler den Verein wechsele. Und selbst die Art, wie Deislers Wechsel zum FC Bayern über die Bühne ging - das wochenlange Hinhalten, obwohl längst ein Scheck aus München da war -, ist sicher keine Rechtfertigung für die feindselige Haltung gegenüber einem der größten deutschen Fußballtalente.

Es war nicht zu erwarten, dass Deisler in seinen schweren 14 Minuten noch Akzente setzen konnte. Dabei kam ihm zugute, nun doch als Spielmacher auflaufen zu dürfen. Denn er kam für Marcelinho ins Spiel, der ihn beim Wechsel nicht wie üblich abklatschte und keines Blickes würdigte. Doch ein 22-Jähriger ist noch nicht so gefestigt, dass er bei dieser Anti-Stimmung kühl bleibt. So missriet Deisler manche Abgabe. Was mit schadenfrohem Klatschen bedacht wurde. Nein, es war nicht der Tag der Berliner Fans.

Es war allerdings auch nicht der Tag der Hertha - trotz des Sieges. Klaus Augenthaler, Nürnbergs leidgeprüftem Trainer, war zuzustimmen, wenn er meinte, seine Mannschaft sei "spielerisch klar besser gewesen". Und sie hatte, was zusätzlich verwundern musste, auch die weitaus größere Zahl an Torchancen. Doch irgendwann muss man auch mal ins Tor treffen. Dass Augenthalers Mannschaft das nicht tat, bestätigt ihren Tabellenplatz. Dieser Club, Aufsteiger und längst wieder Abstiegskandidat, hat in 27 Spielen nur 25 Tore erzielt, wie der Tabellenletzte Köln schon 17 Spiele verloren und auswärts mehr Spiele (11) verloren als jeder andere Verein. Dennoch - diese Vorstellung in Berlin, noch dazu mit einer wegen Verletzungen völlig umgekrempelten Abwehr, in der der Ex-Herthaner Sanneh imponierte, war aller Ehren wert.

Es war lange Zeit wenigstens der Tag des Alex Alves. Dem Doppelschlag von Bremen ließ er gestern einen weiteren folgen. Schon nach zwei Minuten profitierte er von guter Vorarbeit von Bart Goor und Michael Preetz, dann wieder von Goors Vorlage beim 2:0. Mit Marcelinho, seinem Landsmann, tanzte er den Capoeira, den brasilianischen Tanz. Nach 52 Minuten war es dann mit der Herrlichkeit vorbei. Ein Muskelfaserriss im Oberschenkel, vielleicht auch durch die unangenehm kalte Witterung mit zeitweiligem Regen mit verursacht, setzte das Stoppzeichen. Zehn bis vierzehn Tage Pause, lautete die Prognose von Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher. In Gladbach ist Herthas derzeit erfolgreichster Torschütze am nächsten Sonnabend also nicht dabei, vielleicht auch nicht im darauf folgenden Spiel in Wolfsburg.

Der mit zwölf Saisontreffern beste Schütze, Marcelinho, verschoss in der 39. Minute einen Handelfmeter. Tragisch nahm das niemand. Bei Herthas augenblicklichem Lauf kann auch so ein Missgeschick nicht aus der Bahn werfen. Schwache Leistungen wie gestern schon gar nicht. Fazit von Falko Götz: "Man muss auch solche Spiele gewinnen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben