Hertha BSC : Kurz? Passt!

Mit ein paar Jahren Verspätung ist die Fußball-Moderne auch in Berlin angekommen. Dafür muss der "kleine Arsene Wenger" den gestandenen Hertha-Profis aber zuerst einmal den Kurzpass beibringen.

Sven Goldmann
Favre Training
Lucien Favre (mitte) hat auf dem Trainingsplatz viel zu tun. -Foto: imago

Berlin - Mais non! Lucien Favre ist kaum zu erkennen da hinten auf dem Trainingsplatz, aber seine gestikulierenden Arme deuten an, dass irgendwas nicht läuft, wie es laufen soll. Drei Stürmer sind zum Sondertraining angetreten. Trainer Favre selbst passt hinaus auf den Flügel, scharf, flach und exakt. Solomon Okoronkwo flankt in die Mitte, wo Andre Lima oder Lukasz Piszczek den Ball ins Tor schießen sollen. Dafür ist bei Hertha BSC eigentlich Marko Pantelic zuständig, aber der fehlt in dieser Trainingseinheit. Rückenschmerzen. Neunmal in den zwanzig Spielen dieser Saison hat der Serbe getroffen, und natürlich wird er auch heute auflaufen, im Bundesligaspiel daheim gegen den MSV Duisburg, den er beim 2:1 in der Hinrunde mit zwei Toren fast allein besiegt hat. Anders als seine Kollegen beherrscht Marco Pantelic die nur scheinbar einfache Kunst, den Ball ins Tor zu schießen.

Fußball ist kein einfaches Spiel. Die Kunst ist es, das Spiel einfach aussehen zu lassen. Das funktioniert über Automatismen, die Favre im Training bis zur Erschöpfung üben lässt. Steilpass, Flanke, Schuss, Tor. Die Idealvorstellung des Schweizers ist ein Stil, wie ihn sein französischer Kollege Arsène Wenger dem FC Arsenal beigebracht hat. Wer Wengers Mannschaft beobachtet, der wundert sich, warum sich die Gegner nicht wehren gegen das scheinbar einfache Spiel der Londoner. Jeder Spielzug genügt den Gesetzen der Logik, jede Passfolge sieht einfach aus. So verheißt es die Sicht von der Tribüne.

Auf dem Feld stellen sich die Dinge ganz anders dar. Nur wer ganz nah dran ist, kann das Tempo des modernen Fußballs nachempfinden. Immer steht ein Gegner im Weg, und manchmal sieht es so aus, als sei der Platz unendlich klein geworden. Natürlich ist der Platz genauso groß wie früher, nur hat sich die Laufleistung aller Beteiligten vervielfacht. Spieler wie der Schalker Jermaine Jones legen in 90 Minuten um die 13 Kilometer zurück. Wenig für einen Langstreckenläufer, aber unendlich viel für einen Fußballspieler, der seine Wege im Voraus nicht kennt und sein Tempo immer wieder veränderten Situationen anpassen muss. Wo der Gegner die Räume verengt, muss die angreifende Mannschaft mit ebenso hoher und noch intelligenterer Laufbereitschaft Anspielstationen kreieren. „Du musst viel laufen, aber vor allem musst du richtig laufen“, sagt Lucien Favre.

Wer im Jahr 2008 ein Fußballspiel gewinnen will, muss den Weg finden hinaus aus der Enge. Die Antwort auf die Probleme der Moderne ist der Kurzpass. Entscheidend ist das Tempo, mit dem der Ball gespielt wird. Lange Pässe machen das Spiel langsam, jede Sekunde, die der Ball in der Luft ist, nutzt der Gegner zur Reaktion. Also muss der Ball so lange hin- und hergeschoben werden, bis sich die Lücke öffnet für den finalen, den tödlichen Pass. In der Vollendung dieses Spiels berührt jeder den Ball nur einmal. Das bedeutet minimale Reaktionszeit für den Gegner und setzt neben Laufbereitschaft und Spielintelligenz perfekte Ballbeherrschung mit beiden Füßen voraus. Scharf und präzise muss der Pass kommen. So wie es Lucien Favre Tag für Tag üben lässt und wie er es seinen Stürmern demonstriert, bei der Extraübung hinten auf dem Trainingsplatz. Von Arsène Wenger erzählt man sich, dass der sein Personal stundenlang das exakte Zuspielen aus kurzer Distanz üben lässt.

Als Hertha zum Beginn des neuen Jahrtausends in die Champions League stürmte, stand der Verein mal kurz im Verdacht, er stehe vor einer Verpflichtung Wengers. Das war natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber Herthas Manager Dieter Hoeneß wird allein das Gerücht gefallen haben. Für Lucien Favre, den Mini-Wenger aus der Schweiz, war die Bundesliga nach zwei Meisterschaften mit dem FC Zürich der nächste, der logische Karriereschritt. Favre kam im vergangenen Sommer wie ein Kulturschock über Berlin. Oder war Berlin ein Kulturschock für ihn? Als er nach seinem ersten Training sagen sollte, was ihm am besten gefallen habe, lobte er den schönen Rasenplatz. Intern schimpfte Favre über eine unausgewogen zusammengestellte Mannschaft, über zu langsame Spieler, über den Hang zur Behäbigkeit.

Wer schon ein paar Jahre bei Hertha spielt und an ein anderes System gewöhnt ist, tut sich schwer mit der neuen, auf den Kurzpass ausgerichteten Philosophie. Unter Favres Vorgänger Falko Götz mussten die Spieler den Ball noch so lang und so hoch über den Trainingsplatz schlagen, dass allein die Segnungen des Klimawandels eine schneefreie Landung garantierten. „Jetzt würde der Trainer am liebsten Einkontaktfußball spielen lassen, aber dafür braucht er auch die richtigen Spieler“, sagt Verteidiger Sofian Chahed. Er ist einer der wenigen, die übrig geblieben sind aus der Vor-Favre-Zeit. Hertha hat dem Trainer freie Hand gegeben beim Basteln der neuen Mannschaft.

Ein typischer Favre-Spieler ist der Brasilianer Raffael. Ein geschmeidiger Virtuose, der im Spiel oft zehn Minuten lang überhaupt nicht zu sehen ist und doch die wichtigen Wege geht und im entscheidenden Augenblick an der richtigen Stelle steht. Wenn es auf ihn ankommt, spielt er den tödlichen Pass oder schießt das entscheidende Tor. Wie beim 3:1 in Stuttgart oder beim 1:0 über Bielefeld.

Die jüngsten Erfolge haben Wirkung gezeigt. Der Perfektionist Lucien Favre wirkt entspannter. Nach einem guten halben Jahr hat er seinen Frieden mit der Berliner Wirklichkeit gemacht und den Spielern versprochen, nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu loben. Wenn der Ball im Training über drei, vier Stationen läuft, ruft Favre schon mal: „Ja, das ist Qualität!“ Er lacht und scherzt, aber das heißt nicht, dass er seinen perfektionistischen Anspruch aufgegeben hat. Das Training ist längst beendet, da steht Lucien Favre immer noch ganz hinten auf dem Platz und übt mit seinen Stürmern das Toreschießen. Es ist eine Übung ohne Gegenspieler, und doch landet kaum ein Schuss im Tor. Fußball ist kein einfaches Spiel. Gut, dass Marko Pantelic heute gegen Duisburg stürmen kann.

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