Sport : Hertha BSC - KVC Westerlo: Rückwärts immer

Klaus Rocca

Hoch droben im Oberring hatten sie ein Spruchband mit der Aufschrift "Röber raus!" aufgespannt. Jürgen Röber mochte diese Forderung, in grellroten Buchstaben aufgedruckt, beim Anpfiff noch für eine Meinungsäußerung Weniger gehalten haben. Später wurde er eines Besseren belehrt. Da nämlich waren im spärlich besetzten Olympiastadion machtvolle Sprechchöre gleichen Inhalts zu hören. Viele Fans wandten sich ab und kehrten ihrer Mannschaft schon während des Spiels demonstrativ den Rücken zu. Es muss für den Trainer von Hertha BSC ein schlimmer Abend gewesen sein. Für die knapp 10 000 Zuschauer - Hertha hat allein 15 000 Dauerkarteninhaber - war es eine Zumutung. Da hatten die Fußballer Wiedergutmachung geschworen, und dann dieses erbärmliche Gekicke. "Wir haben die Schnauze voll", riefen die erbosten Fans. Sie konnte auch nicht trösten, dass Hertha durch das Tor von Marcelinho in der 86. Minute 1:0 gegen den KVC Westerlo gewann und damit nach dem 2:0 im Hinspiel in die zweite Runde des Uefa-Pokals einzog.

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Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Jener Velotaxi-Fahrer, der in der Halbzeitpause durch die schnellsten Runden auf der Kunststoffbahn des Olympiastadions eine Dauerkarte für Hertha-Spiele gewann, dürfte nicht so recht gewusst haben, ob er sich freuen oder bedauern sollte. Von den Rängen bedachte man ihn mit Spott. Zu tief saß der Frust über das seelenlose Ballgeschiebe des Bundesligisten. Für Röber war es dann "verständlich, dass die Fans sauer sind".

Gewiss, Hertha spielte mit viel Ersatz. Michael Preetz, Sebastian Deisler, Marko Rehmer und Josip Simunic waren nicht dabei, von den Stammspielern kamen Marcelinho, Bart Goor und Rob Maas erst nach der Pause. Doch müssten nicht selbst Reservisten eines Bundesligisten in der Lage sein, diese biederen Belgier zu beherrschen? "Zwischen Wollen und Können ist in gewissen Phasen ein großer Unterschied", meinte Manager Dieter Hoeneß später. Mit Fußball habe das, was er gesehen habe, nichts zu tun. Für ihn sei die Mannschaft "dennoch intakt".

Das zu glauben fällt schwer. Derzeit ist sie total verunsichert und bringt selbst die einfachsten Dinge nicht zu Stande. Spieler wie Michael Hartmann, Eyjölfur Sverrisson, Alex Alves und Bart Goor fallen selbst da noch negativ auf. An einem Mannschaftskameraden wie Dick van Burik, einem der ganz wenigen Lichtblicke in diesem trostlosen Ensemble, kann sich offenbar niemand aufrichten. "Man muss als Profi mit solch einer Situation fertig werden, so schlimm sie auch ist", sagte Röber fast beschwörend. Er selbst ist natürlich auch verunsichert. Dass er den Amateur Joel Tchami nach der Pause nicht wieder aufs Feld schickte, wurde ihm von vielen Zuschauern lautstark übel genommen. "Er hat nicht das gezeigt, was er im Training bietet", lautete Röbers Begründung. Dass er Alves ("Er hatte zu wenig drauf") aus dem Spiel nahm, war nachzuvollziehen. Nur stand da kein einziger Stürmer mehr auf dem Platz.

Ein Glück, dass die Belgier zu harmlos waren, um aus den eklatanten Schwächen der Herthaner Kapital zu schlagen. Dabei meinten es die Zuschauer so gut mit ihnen, beklatschten nach der Pause jede ihrer guten Aktionen, riefen bei ihren Schüssen auf das Hertha-Tor "Zugabe". So manche Chance hatten sie auch, doch sie vergaben sie kläglich. "Wenn wir ein Tor geschafft hätten, wäre bei Hertha wohl Panik ausgebrochen", mutmaßte Westerlos Trainer Jan Ceulemans. Das aber schoss Marcelinho, mit einer sehenswerten Einzelleistung. Als er danach sein Hemd auszog und frohlockend zur Trainerbank lief, hielt sich die Freude in Grenzen. Es war eine seltsame Stimmung. Auch Röber, von Marcelinho in Erwartung einer herzlichen Umarmung angesteuert, gab sich zurückhaltend. Ihm war an diesem frustrierenden Abend nicht nach Jubeln zumute.

Hertha hat das Pflichtprogramm abgespult, ist am Freitag bei der Auslosung der zweiten Runde dabei. Doch auf dem Weg aus dem Tief ist die Mannschaft keinen Schritt vorangekommen. Im Gegenteil. Nach dieser erschreckenden Darbietung ist die Skepsis eher größer geworden. Eine Frage bleibt: Was macht eigentlich Herthas neuer Mentaltrainer?

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