Sport : Hertha BSC: Laufsteg ins Leere

Sven Goldmann

Wenn der Fußballtrainer Jürgen Röber in dienstlichem Auftrag vor dem Fernseher sitzt, dann schaut er sich - richtig, ein Fußballspiel an. Am Dienstagabend wurde im Deutschen Sportfernsehen die dritte Runde im Uefa-Cup gegeben, VfB Stuttgart gegen Feyenoord Rotterdam. Der VfB Stuttgart zog nach einem 2:1-Sieg ins Achtelfinale ein, und der Mann vor dem Bildschirm dürfte sich dafür verwünscht haben, dass er den Ton nicht einfach abgeschaltet hat. Es wäre ihm jener Kommentar erspart geblieben, "nach dem ich am liebsten in den Fernseher gesprungen wäre". Der Reporter hatte seinen Glückwunsch nämlich verbunden mit dem Hinweis, dass "jetzt die großen Namen auf Stuttgart warten", erzählt Röber, und jetzt wird er lauter: "Zum Beispiel Inter Mailand. Das hat der nicht nur einmal gesagt, sondern zwei-, dreimal. Mein Gott, der Mann ist ein deutscher Journalist, und dann redet der was von Inter Mailand. Ich weiß gar nicht, ob ich diesem Sender noch mal ein Interview geben soll."

Nun ist es keineswegs so, dass Jürgen Röber dem VfB Stuttgart keinen attraktiven Gegner gönnt. Aber Inter Mailand soll es bitteschön nicht sein, denn das ist der Klub, den Röbers Mannschaft Hertha BSC heute (20.45 Uhr, Konferenzschaltung mit der Partie HSV - AS Rom im ZDF) auszuschalten gedenkt. Natürlich sind die Italiener nach dem 0:0 vor 16 Tagen im Hinspiel im Berliner Olympiastadion der Favorit. Aber wen interessiert schon statistisches Geplänkel, die Wahrheit steht nicht in Wahrscheinlichkeitsrechnungen, sondern sie liegt immer noch auf dem Platz. Und da, sagt der Trainer der Berliner, "werden wir alles geben, da muss auch Hass ins Spiel." Er betont dieses das Wort besonders: "HASS." Dann spricht er weiter von Siegeswillen und Leidenschaft und "dass einer wie der Recoba erstmal am Schmitti vorbeikommen muss".

Schmitti heißt im bürgerlichen Leben Andreas Schmidt, und dieser Name dürfte Inters millionenschwerem uruguayischen Nationalspieler Alvaro Recoba ebenso viel Respekt einflößen wie Mailands Fußball-Fans die Anwesenheit von Hertha Berlino. Nach den freudlosen Pflichtsiegen im internationalen Wettbewerb über Zimbru Chisinau (das liegt mitten in Moldawien) und Amica Wronki (Polen) wähnen sich die Berliner endlich angekommen im großen europäischen Fußball, aber den großen europäischen Fußball schert das wenig. Das Guiseppe-Meazza-Stadion wird heute nicht einmal zur Hälfte besetzt sein, und den großen Mailänder Blättern ist das Berliner Gastspiel nicht annähernd so viel wert wie die heute beginnende Spielzeit in der Scala.

Als Herthas Delegation gestern auf dem Flughafen Malpensa ankam, war die Zahl der wartenden Journalisten, Fernsehteams und Fans recht übersichtlich, genauer gesagt: Die Berliner waren unter sich.

So blieb den Mailändern der Aufzug vorenthalten, in dem Herthas 15-Millionen-Mark-Stürmer Alex Alves die Hauptstadt der Mode betrat. Von den drei Knöpfen seines Jacketts hatte der Berliner Brasilianer nur den oberen geschlossen, darunter schlängelte sich eine viel zu lange Krawatte in abenteuerlichem Bogen Richtung Gürtelschnalle. Giorgio Armani hätte die Augen vor Schmerz verdreht, hätte er nicht, wie jedes Jahr im Spätherbst, das neblige Mailand verlassen, um seine Kollektionen irgendwo in der Sonne anzupreisen. Wahrscheinlich kehrt er erst im Frühjahr zurück, wenn auf der Rennbahn von San Siro die Pferdesaison beginnt und ein paar hundert Meter weiter im Meazza-Stadion der FC Internazionale wieder aufspielt wie einst im Mai. Kein Tifoso zweifelt daran, dass seine Mannschaft dann immer noch im großen europäischen Fußball mitspielt. Zur Not auch gegen den VfB Stuttgart.

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