Hertha BSC : Neues Team, neues Glück

Hertha BSC stand vor dem Bundesligaspiel gegen den damaligen Tabellennachbarn VfB Stuttgart erstmals in dieser Saison unter Druck - und gewann trotz Rückstand dank der veränderten Offensivreihe.

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Freude: Thomas Kraft und Fabian Lustenberger nach dem 3:2-Sieg gegen den VfB Stuttgart.
Freude: Thomas Kraft und Fabian Lustenberger nach dem 3:2-Sieg gegen den VfB Stuttgart.Foto: dpa

Jos Luhukay hatte mit Valentin Stocker schon vor dem Spiel alle Eventualitäten besprochen. Wenn er, Stocker, das Gefühl habe, seine Kraft reiche nicht mehr, solle er einfach signalisieren, dass er ausgewechselt werden möchte. Eine Viertelstunde vor Schluss war dieser Moment gekommen. Doch da war es schon zu spät. Luhukay, der Trainer von Hertha BSC, hatte bereits sämtliche Wechselmöglichkeiten genutzt. Stocker musste weiterspielen. Es hat vermutlich schon schlimmere Schicksale gegeben.

Im Grunde kann Stocker ja froh sein über jede Minute, die er auf dem Fußballplatz verbringen darf. Allzu viele waren es seit seinem Wechsel nach Berlin schließlich noch nicht. 23 in Freiburg, 22 in Augsburg standen für ihn zu Buche, als ihn Luhukay am Mittag vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart zur Seite nahm. „Er hat gesagt, dass heute der richtige Tag ist, um mich spielen zu lassen“, berichtete Stocker später. Und nicht nur in dieser Angelegenheit bewies Luhukay das richtige Gespür.

Valentin Stocker, WM-Teilnehmer mit der Schweiz und teuerster Zugang des Berliner Fußball-Bundesligisten in diesem Sommer, leistete einen entscheidenden Beitrag zum 3:2-Sieg gegen den VfB. Er war an allen Toren Herthas beteiligt. Den Elfmeter, den Salomon Kalou zum 1:1 verwandelte, holte er durch sein entschlossenes Nachsetzen heraus, zu Kalous 2:1 leistete er die Vorarbeit, und vor dem 3:1 durch Roy Beerens leitete Stocker den Ball auf den anschließenden Flankengeber Änis Ben-Hatira weiter.

Valentin Stocker brachte viel Schwung in Herthas Offensive

„Ich finde, dass er das beeindruckend gemacht hat“, sagte Luhukay über den Schweizer. Stocker brachte viel Schwung in Herthas Offensive. Von allen Spielern auf dem Feld lief nur Per Skjelbred (12,4 Kilometer) unwesentlich mehr als er (12,2). Nach Roy Beerens (29) war er der Herthaner mit den meisten Sprints (25), dazu absolvierte Stocker die meisten intensiven Läufe (83).

Luhukay hatte für seinen verhaltenen Umgang mit Stocker einige Kritik einstecken müssen, vor allem in der Schweiz war dessen anhaltende Nichtberücksichtigung mit Erstaunen registriert worden. „Es war natürlich nicht einfach“, sagte Stocker. „Ich war mental ein bisschen am Boden.“ Im Nachhinein aber hat Lukukay alles richtig gemacht. „Wir haben ihn sorgfältig da hingebracht“, sagte Herthas Trainer. Stocker selbst gab am Freitag zu, dass er erst jetzt das Gefühl gehabt habe, für die Bundesliga bereit zu sein.

Bei Valentin Stocker kamen einige Dinge zusammen, die eine schnellere Integration verhinderten

Bei ihm waren einige Dinge zusammengekommen, die eine schnellere Integration verhinderten: eine anstrengende Vorsaison mit mehr als 60 Spielen für den FC Basel; eine unbefriedigende WM, bei der Stocker nach einer schwachen ersten Hälfte gegen Ekuador überhaupt keine Berücksichtigung mehr fand; ein kurzer Urlaub und dann die Gewöhnung an eine neue Stadt, einen neuen Klub, einen neuen Chef und neue Kollegen. „Er war mental schon ein Stückchen angeschlagen“, sagte Luhukay. Ob Stocker denn nun, nach seinem starken Auftritt gegen Stuttgart, Stammspieler sei, wurde Herthas Trainer am Tag nach dem Spiel von einem Reporter des Schweizer Fernsehens gefragt. „Nach gestern spricht nichts dagegen“, antwortete Luhukay.

Es spricht auch nichts dagegen, generell an der Besetzung aus dem Spiel gegen den VfB festzuhalten. Der Sieg war vor allem der Umbesetzung in der Offensivreihe zu verdanken. Neben Stocker rückte – ebenso überraschend – auch Änis Ben-Hatira in die Anfangsformation. Der Tunesier überfordert mit seinen Tricks und Spielereien zwar manchmal nicht nur den Gegner, sondern auch sich selbst, doch es war genau dieses anarchische Element, das Herthas Spiel gut- tat. „Änis war richtig klasse“, sagte Luhukay. „Er ist jemand, der das Extra hat.“

Hertha BSC: Die vier Offensivspieler machten alle Tore inklusive Vorlagen unter sich aus

Ben-Hatira war genau wie Stocker in dieser Saison erst zu zwei Kurzeinsätzen gekommen. Gegen Stuttgart stand er erstmals seit einem halben Jahr wieder in der Startelf. „Valentin und Änis haben einen großartigen Job gemacht“, sagte Salomon Kalou. Die vier Offensivspieler machten alle Tore inklusive Vorlagen unter sich aus. Sie bewegten sich gut, wechselten oft die Positionen und nutzten die Freiheiten, die Luhukay ihnen gewährte. „Wir waren ein Stück unberechenbarer, nicht so statisch“, sagte Herthas Trainer. „Wir hatten viel Leben in den Angriffswellen. So viele gute Möglichkeiten haben wir uns in dieser Saison bisher nicht erspielen können.“

Luhukay lobte den Spielfluss und die Entschlossenheit im Umschaltspiel, das vor allem in der Hinrunde der Vorsaison eine der Stärken der Mannschaft gewesen war. Vermutlich war es kein Zufall, dass der Spieler, der den Spielfluss durch überzählige Ballkontakte gerne mal ins Stocken bringt, gegen den VfB auf der Bank hatte Platz nehmen müssen. Und es spricht nichts dagegen, dass dies bei Ronny auch erst einmal so bleiben wird.

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