Hertha BSC : Nun spielt das Kollektiv

Heute tritt eine andere Hertha-Mannschaft gegen Dortmund an als im Hinspiel.

Sven Goldmann

Berlin Das Wetter war schön, sagt Lucien Favre, und auch das Ergebnis, aber sonst? Favre holt tief Luft und listet auf, was alles nicht gestimmt hat an diesem 22. September 2007: Schlechte Balleroberung, zu wenig Torchancen herausgespielt und zu viele des Gegners zugelassen. So urteilt der Trainer von Hertha BSC heute über den Tag, an dem seine Mannschaft an die Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga stürmte, für ein paar Stunden nur, aber immerhin. Nicht alle waren so bescheiden nach Herthas 3:2 über Borussia Dortmund. „Das war nicht irgendein Sieg, sondern ein grandioser Sieg“, befand Herthas Manager Dieter Hoeneß. Favres leises Murren, die Mannschaft habe „zu individualistisch“ gespielt, ging unter als sympathisches Understatement.

Heute Abend tritt Hertha zum Rückrundenspiel in Dortmund (Beginn 20.30 Uhr) an. Mit der Erfahrung der Favreschen Rhetorik lässt sich deuten, dass der Trainer den gefeierten Sieg vom September als mittlere Katastrophe empfunden haben muss. Im Individualismus steckt für ihn das Gift, das noch jede gute Mannschaft zur Strecke gebracht hat. Frei nach Aristoteles, der den Menschen als Gemeinschaftslebewesen definiert, kann für Favre nur ein Mannschaftsspieler ein guter Fußballspieler sein. Ein Individualist, der sich dem Kollektiv unterordnet.

Herthas spätsommerlicher Sieg gegen Dortmund hatte angedeutet, was möglich ist, wenn alles optimal läuft. Die folgenden Niederlagen gegen Rostock und Schalke zeigten, was nach unten möglich war. Heute ist Hertha Elfter und doch viel weiter als während der kurzen Spitzenreiterphase im Spätsommer. Damals spielten die überragenden Kollektivisten Skacel, Kacar und Raffael noch in England, Serbien und der Schweiz, der Schweizer Lustenberger war noch nicht richtig angekommen in Berlin. „In den letzten Spielen hat man gesehen, dass wir eine richtige Mannschaft werden können“, sagt Favre.

Im September wurde Herthas Spiel geprägt durch Individualisten wie Marko Pantelic. In Herthas Umfeld fragt man sich häufig, warum der Trainer seinem erfolgreichsten Schützen so wenig Zuneigung entgegenbringe. Schließlich sei Pantelic doch so etwas wie Favres Lebensversicherung gewesen, vor allem in schlechteren Zeiten. Wahrscheinlich zweifelt Favre immer noch an Pantelics Bereitschaft zur Unterordnung. Wenn der mal wieder ein Training auslässt, was in der Tat verdächtig oft vorkommt. In den täglichen Einheiten macht Favre die Mannschaft mit den Details seines Systems vertraut. Mühsames Alltagsgeschäft, das durch die Abwesenheit eines Stammspielers noch mühsamer wird. Da nutzt es Pantelic in Favres Augen wenig, dass er in der Rückrunde schon drei Tore erzielt und zuletzt so gut mit dem Brasilianer Raffael zusammengespielt hat. Wie gut könnten die beiden sein, wenn Pantelic sich noch ein wenig mehr unterordnen würde?

Umgekehrt verzeiht der Perfektionist Favre sportliche Schwächen gern, wenn die Einstellung stimmt. Patrick Ebert sieht er es seit Wochen nach, dass ihm auf dem Platz wenig bis gar nichts gelingt. Favre aber schätzt die weiten Wege, die Ebert für die Mannschaft geht, obwohl er zuletzt selten gesund war. Mal schmerzt das Knie, mal das Sprunggelenk. Für Dortmund ist er ebenso fest eingeplant wie der zuletzt angeschlagene Malik Fathi. Noch offen ist der Einsatz der leicht verletzen Fabian Lustenberger und Steve von Bergen.

Für Lustenberger ist das Spiel in Dortmund ein ganz besonderes. In alten Luzerner Jugendtagen war die Borussia seine Lieblingsmannschaft und ein Spiel im Westfalenstadion ein Traum. Der Mannschaftsspieler Fabian Lustenberger war übrigens verletzt an jenem schönen Spätsommertag, als Herthas Individualisten 3:2 gegen Dortmund siegten und für ein paar Stunden auf Platz eins kletterten.

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