Sport : Hertha BSC: Ohne Absicherung

Klaus Rocca

Am liebsten wäre Jürgen Röber noch am späten Abend aus Dortmund, wo er das Topspiel des Tages sah, an seine ehemalige Wirkungsstätte Bremen zurückgekehrt und hätte dort bei einem Freund übernachtet. Stattdessen fuhr er zu später Stunde mit seinem Assistenten Bernd Storck zurück nach Berlin und leitete morgens um neun schon wieder das Training. "Nach einer Niederlage tut man gut daran, vor Ort zu sein", so Röber. Schon deshalb, weil unliebsame Fragen aufkommen könnten.

Zum Thema Online Spezial: Hertha BSC Zum Beispiel die: Lag Röber bei der 1:3-Niederlage der von ihm trainierten Bundesliga-Fußballer von Hertha BSC im Bremer Weserstadion mit seiner Taktik richtig? Zur Erinnerung: Nach dem Desaster in Cottbus hatte ihm der Aufsichtsrats-Vorsitzende Rupert Scholz Konzeptionslosigkeit vorgeworfen. Das hatte ihn schwer getroffen.

In Bremen pokerte Röber hoch. Er verzichtete auf einen Libero. Der Nachteil: Die Zwei-Mann-Abwehr war ohne Absicherung. Der Vorteil: Im Mittelfeld spielte Hertha in Überzahl. Röber: "Ich wollte nicht nur reagieren, sondern agieren. Hätten wir uns so wie Wolfsburg in Cottbus hinten reingestellt und dann verloren, hätten uns doch viele wieder attackiert." An sich eine löbliche Einstellung.

Nur: Musste gerade in Bremen va banque gespielt werden? Beim SV Werder gibt es bekanntlich zwei Stürmer, die sich diese Bezeichnung redlich verdient haben. Claudio Pizarro, Peruaner italienischer Abstammung, und Ailton, Brasilianer, haben zusammen in dieser Saison bereits 25 Tore erzielt, mehr als jedes andere Sturmduo in der Bundesliga. Beide sind nicht nur erfolgreich, sondern auch enorm laufstark. Besonders Ailton. Für den "Kugelblitz", wie sie ihn in Bremen nennen, waren die durch den fehlenden Hertha-Libero entstandenen Freiräume ein willkommenes Geschenk. "Es hat heute riesig Spaß gemacht", meinte Ailton, der die Hertha-Abwehr immer wieder schwindlig spielte.

War nicht ohnehin bei allem Elan, den die zeitweilig groß aufspielenden Herthaner entwickelten, zu befürchten, dass zumindest einer der Manndecker (Eyjölfur Sverrisson) wegen seiner läuferischen Mängel ein Risikofaktor sein würde? Röber argumentierte, die Außen-Mittelfeldspieler Marko Rehmer und Michael Hartmann hätten die Aufgabe gehabt, in brenzligen Situationen hinten auszuhelfen. Und sein Mannschaftskapitän Michael Preetz kommentierte: "Die Taktik war in Ordnung. Leider haben wir in der vielleicht entscheidenden Situation geschlafen."

Das war reichlich früh, schon nach acht Minuten. Im Anschluss an einen Eckball kam der Ball vors Tor, Marko Rehmer stand von Pizarro zu weit weg, und der köpfte den Ball ins Tor. "Da hat Marko gepennt, andere waren in dieser Situation aber auch reichlich lethargisch", kritisierte Röber. Eigentlich war Rehmer nicht der Gegenspieler Pizarros, bei Standardsituationen wie einem Eckball schon. "Das war vorher alles abgesprochen", so der Hertha-Trainer. Dass Rehmer, zuletzt im WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland der beste Deutsche, nach tagelangem Grippefieber nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war, zählt dabei nicht.

Wenn Röber meint, nach diesem frühen Gegentor hätte wohl niemand erwartet, "dass wir nun plötzlich mit Libero spielen", ist das verständlich. Es bleibt die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, vor dem Tor mit Libero zu spielen. "Hinterher ist man immer klüger. Und wer Kritik finden will, der findet sie nach einer Niederlage auch", klagte Röber. Sollten ihm von irgendeiner Seite Vorwürfe gemacht werden, fände er das "lächerlich".

Bei seinem Amtsantritt hat Röber "Fußball mit Herz" versprochen. Nach so mancher Niederlage, besonders in der Mitte dieser Saison, musste er, auch auf Druck von außen, umdenken und der Torsicherung den Vorrang geben. Jetzt, da es in die entscheidende Phase der Saison geht, ist ihm der Mut zum Wagnis nicht abzusprechen. In Bremen war er vielleicht nicht angebracht. Röber erntete damit zwar Lob von den Gastgebern, doch "dafür kann ich mir nichts kaufen". Zumal Herthas Trainer am kommenden Sonnabend im Duell mit den Dortmundern wieder unter enormem Druck steht.

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