Hertha BSC : Salomon Kalou: Die Tore nach den Tränen

Salomon Kalou musste zwei Todesfälle in der Familie verarbeiten. Nun trifft er wieder für Hertha - gegen Gladbach schlug er gleich dreimal zu.

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Ein paar frisch geschnittene Grashalme klebten noch auf seinen weißen Fußballschuhen, in denen Salomon Kalou jetzt leicht hin- und hertrampelte. Der Ivorer stand im Untergeschoss des Olympiastadions und dampfte noch etwas nach. Das Spiel gegen den Champions-League-Teilnehmer Mönchengladbach, das er so geprägt hatte, war längst aus, doch der Held der Nacht hatte noch keine Ruhe. Immer wieder sollte er erzählen, wie es zu diesem wundersamen Comeback gekommen war, das die allermeisten Stadionbesucher an diesem Freitagabend in einen kollektiven Jubelrausch versetzt hatte. „Es war eine schwierige Zeit mit vielen Emotionen für mich, ich konnte lange nicht Fußball spielen“, sagte Kalou. „Dass ich jetzt drei Tore in einem Heimspiel geschossen habe, macht mich glücklich und stolz.“

Der 31 Jahre alte Stürmer von Hertha BSC musste aufpassen, von seinen Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Trotz seines für einen Fußballer stattlichen Alters hat er sich eine kindliche Begeisterungsfähigkeit erhalten. Freundlich, höflich und bescheiden gab er Auskunft. „Er ist ein guter Junge, das sieht man schon an seinen Augen“, sagte Pal Dardai anderntags. Herthas Trainer hatte Kalou nach seinem dritten Tor in dieser Nacht ein paar Minuten vor dem Abpfiff vom Feld genommen, es war eine besondere Geste für einen besonderen Abgang eines besonderen Spielers. Auch das Publikum außerhalb von Herthas Fankurve erhob sich und applaudierte dem dreifachen Torschützen. „Ich fand das wunderschön, ein Moment für Gänsehaut“, sagte Dardai.

Salomon Kalou ist ein sehr gefühliger Mensch. Zwei Todesfälle in der Familie hatten ihn durch den Spätsommer schwer tragen lassen an der Trauer. In diesen Wochen habe der Trainer gesehen, dass etwas nicht stimmte mit ihm. „Ich wollte ihm helfen, habe aber gemerkt, dass er das mit sich ausmachen musste und nahm erst mal Abstand“, erzählte der Trainer. Er und Manager Michael Preetz genehmigten ihrem trauernden Torjäger mehrere Heimataufenthalte. In der Elfenbeinküste konnte Kalou Abschied nehmen von Vater und Tante. „Salomon hatte Schicksalsschläge zu verkraften, er konnte lange Zeit nicht spielen, er ist ja erst vor zwei Wochen in die Saison eingestiegen“, sagte Preetz. „Für ihn ist das ein fantastischer Abend.“

Was für eine Wendung. Der 49-jährige Preetz musste zwangsläufig an seine eigene Vergangenheit als Stürmer denken: „Ich weiß, wenn dir Spielrhythmus und Spielpraxis fehlen, wie ungemein solche Momente helfen, wenn der Ball im Netz zappelt.“ Läppische hundert Bundesligaminuten hatte Kalou bis Freitagabend in dieser Saison erst absolviert. Praktisch aus dem Stand erzielte er drei Tore aus drei Schüssen. „Auch wenn er dafür heute sechs Schüsse gebraucht hätte, wäre er glücklich gewesen, aber das zeigt unsere Effizienz in der Offensive“, sagte Preetz.

Die „brutale Effektivität“ im Torabschluss, von der hinterher der Gladbacher Trainer André Schubert redete, ist einer der herausragenden Gründe für Herthas Aufschwung. Kein anderes Team der Liga braucht gegenwärtig so wenig Chancen für einen Torerfolg. Die Quote der Chancenverwertung liegt um die 40 Prozent. „Dass Salomon jetzt trifft, tut uns richtig gut“, sagte Dardai. „Sein Kopf ist wieder frei, das freut uns alle“, sagte der zweimalige Vorlagengeber Mitchell Weiser. Seine Mitspieler wissen, dass sie einen Torjäger wie ihn neben Kapitän Vedad Ibisevic benötigen.

„Wir waren heute einfach heißer als die Gladbacher, die heute kein Tempo in ihr Spiel bekamen“, sagte Per Skjelbred. Der Norweger ist so etwas wie Herthas Fregatte. Er jagt jedem Ball nach, und wenn jemand aus dem eigenen Team Hilfe braucht, ist er zur Stelle. „Wir müssen jetzt Bodenkontakt behalten und weiterkämpfen“, die Niederlage in Hoffenheim vor einer Woche habe gezeigt, wie es ist, wenn Hertha auch nur einen Tick nachlasse. Und Weiser sagte: „Wenn wir mit Einsatz und Eifer zusammen spielen, sind wir schwer zu schlagen.“ Auch das ist eine Qualität.

Nach zehn Spieltagen, also fast einem Drittel der Spielzeit, bekommt die Tabelle erste Konturen mit Aussagekraft. 20 Punkte hat Hertha bis hierhin geholt, also zwei im Schnitt pro Spiel. Hochgerechnet würde das am Ende der Saison für einen internationalen Startplatz reichen. „Wir haben die Mannschaft in Teilen weiterentwickelt, wir sind in der Lage, reifen Fußball zu spielen“, sagt Preetz. Der Manager verweist auf dem Umstand, dass in Vladimir Darida und Torjäger Kalou zwei Schlüsselspieler weitgehend aus dem Verkehr gezogen waren und Neuzugang Ondrej Duda (siehe Kasten) noch gar nicht gespielt hat.

Die kommenden Gegner bis Weihnachten sind Augsburg, Mainz, Wolfsburg, Bremen, Leipzig und Darmstadt. Die Marke von 32 Punkten, die Hertha in der famosen Hinrunde der vorigen Saison holte, sind im Bereich des Möglichen. „Wir müssen diesen Geist für den Rest der Saison beibehalten. Wir haben das Potenzial, weitere Spiele zu gewinnen“, sagte Kalou, ehe er sich die Schuhe auszog.

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