Sport : Hertha BSC scheitert an den eigenen Fehlern und einem übermächtigen Gegner

Klaus Rocca

Für Andreas Neuendorf ging die Pein auch nach dem Schlusspfiff weiter. Da hatte er in seiner Enttäuschung den Ball hoch in die Zuschauerränge geschossen. Sehr zum Ärger von Kim Milton Nielsen. Der Schiedsrichter vergatterte Herthas Mittelfeldspieler dazu, den Ball doch nun, bitteschön, zurückzuholen. Neuendorf wirkte hilflos. Bis ihm ein Ball, natürlich nicht der aus den Zuschauerreihen, von Herthas Reservebank gereicht wurde. Neuendorf lieferte ihn brav bei Nielsen ab und muss sich dabei wie ein getadelter Schuljunge gefühlt haben.

Es war ohnehin ein Abend voller Pein. Für Neuendorf und seine Mannschaftskameraden, für die Zuschauer, sofern sie nicht Anhänger von Galatasaray Istanbul waren. Es war ein Abend, an dem man lieber nicht die Fußballstiefel geschnürt hätte. An dem den Profis von Hertha BSC schmerzlich bewusst wurde, dass sie es mit einem übermächtigen Gegner zu tun hatten, der ihnen hinsichtlich körperlicher Frische, balltechnischer Fertigkeiten und jedweder Fußballkunst um Längen voraus war. Und wenn dann noch individuelle Fehler hinzukommen, "die wir vorher nicht gemacht haben und die in der Champions League schneller bestraft werden als in der Bundesliga" (Trainer Jürgen Röber), dann gibt es eben ein Ergebnis wie dieses kaum für möglich gehaltene 1:4, die erste Niederlage im fünften Spiel.

Erstaunlich gelassen fügten sich die Berliner in das Unvermeidliche. "Der uns angedichtete Rausch ist weg. Das ist eine Chance für uns", befand Herthas Manager Dieter Hoeneß. Und Trainer Röber wollte zunächst niemanden kritisieren, tat es dann doch. Weil ihn jene 48. Minute wurmte, in der Kjetil Rekdal den folgenschweren Fehler beging, der zum 1:1 führte und dann das Spiel erdrutschartig kippen ließ. "Kjetil weiß selbst, was er da angerichtet hat. Dass er nach seiner monatelangen Verletzungspause mehrere Spiele hintereinander machen musste, hat wohl zu sehr an seiner körperlichen Substanz gezehrt", meinte Röber. Rekdals Fehler und Hendrik Herzogs Lässigkeit beim Bewachen seines Gegenspielers Hakan Sükür - das war eine fatale Mischung. Von da an gings bergab. Schnurstracks ins deprimierende Debakel. Galatasaray lief auch ohne seinen Star Hagi zu großer Form auf und schoss ein schönes Tor nach dem anderen. "Bislang hat uns das Pech geradezu angezogen. Nun haben wir endlich mal Glück gehabt", sagte Trainer Fatih Terim.

Das Glück, das der bescheidene Terim zu Unrecht seiner Mannschaft zuschrieb, hatte in Wahrheit ein Berliner. Torhüter Gabor Kiraly wurde für seinen Stoß gegen den zuvor provozierenden Erdem Arif nicht einmal ermahnt. "Bei einem anderen Schiedrichter hätte Gabor vielleicht die Rote Karte gesehen", mutmaßte Röber. Überhaupt, an seinem sonst so starken Torhüter hatte Röber an diesem Abend wenig Freude. Vor allem jene Szene an der Seitenlinie erboste ihn. Da glaubte Kiraly, wahrlich kein Meister beim Spiel mit dem Fuß, mit einem riskanten Hackentrick Pluspunkte sammeln zu müssen. Natürlich landete der Ball beim Gegner, die brenzlige Situation konnte noch bereinigt werden. Röber: "Gabor hat eben manchmal einen Aussetzer. Darüber wird noch zu reden sein." Und das nicht zum ersten Mal.

"Ihr könnte nach Hause gehen", höhnte es schon früh aus dem Block der türkischen Fans. Tausende nahmen es wörtlich und verließen schon lange vor dem Abpfiff die ungastliche Stätte. Ihnen blieb immerhin die Hoffnung, dass dieser Ausrutscher keine schlimmen Folgen hat. Der Matchball wurde vergeben, das Match selbst ist noch längst nicht verloren.

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