Sport : Hertha BSC: So viel Jugend war lange nicht

Stefan Hermanns

Bei Herthas Mitgliederversammlung vor ein paar Wochen hat Trainer Jürgen Röber ein problematisches Thema recht elegant umschiffen können. Ein Herthaner hatte von ihm wissen wollen, warum Röber die Nachwuchsspieler Benjamin Köhler und Thorben Marx zwar in Frankfurt beim 4:0-Sieg gegen die Eintracht eingewechselt habe, nicht aber auch im Rückspiel, als Hertha schon zur Pause 3:0 führte. Die Frage hat der Trainer problemlos beantworten können. Vielleicht hätte er Köhler und Marx wirklich gerne aufs Feld geschickt, weil in jenem Spiel nicht mehr viel passieren konnte. Nur gehörten beide leider nicht zum Kader.

Zum Thema Saisonrückblick: Das Hertha-Konzentrat bei Tagesspiegel Online Wunsch und Wirklichkeit lassen sich eben nicht immer in Einklang bringen. "Es ist gut, dass man solche jungen Leute hat", sagt Jürgen Röber. "Aber es wird nicht einfach für sie, mal in die Mannschaft reinzukommen." Das ist nicht neu. Jedes Jahr finden sich bei Hertha BSC ein paar Talente, doch in der Regel erhalten sie nur wenige Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten im Wettkampf zu beweisen. In der vorigen Saison brachten es Benjamin Köhler, Thorben Marx und Sead Zilic, die drei Jüngsten im Team, auf drei Bundesligaspiele. Alle zusammen.

Benjamin Köhler hat die Konsequenz gezogen und probiert sich jetzt in der Zweiten Liga: Für ein Jahr ist er an den MSV Duisburg ausgeliehen. Thorben Marx (20) und Sead Zilic (18) hingegen unternehmen bei Hertha einen zweiten Versuch. Überhaupt: So viel Jugend war lange nicht. Roberto Pinto ist 22, Denis Lapaczinski 19 und Nderim Nedzipi gerade 17. Hinzu kommt - mit 21 Jahren - Sebastian Deisler. Doch der zählt schon nicht mehr so richtig zur Kategorie Nachwuchskräfte. Neuzugang Lapaczinski sagt, er habe gehört, "dass Hertha einen Schnitt machen und die Mannschaft verjüngen will. Bei diesem Schnitt will ich dabei sein."

Thorben Marx weiß, dass junge Spieler wie er bei Hertha einen schweren Stand haben. "Ich kann den Trainer ein bisschen verstehen", sagt er. Der Druck der Öffentlichkeit ist groß, Herthas eigene Ansprüche sind hoch - für Jürgen Röber sind das nicht die günstigsten Voraussetzungen, um freudig mit unerfahrenen Nachwuchskräften zu experimentieren. Andererseits glaubt Marx: "Man kann keinen Fehler machen, wenn man junge Spieler einsetzt."

Der 20-Jährige hat die klassische Laufbahn hinter sich. Marx ist in Berlin geboren, wechselte in der A-Jugend von Hertha Zehlendorf zu Hertha BSC und hat zuletzt bei den Amateuren in der Oberliga die zentrale Position hinter den Spitzen eingenommen. Seine Lehre zum Bürokommunikations-Kaufmann hat Marx nach einem Jahr abgebrochen. "Ich gehe schon davon aus, dass ich es irgendwo als Profifußballer schaffe", sagt er, "wenn nicht bei Hertha, dann woanders." Bereits vor dieser Saison sind bei seinem Berater Norbert Pflippen ein paar lose Anfragen anderer Vereine eingegangen. "Damit habe ich mich gar nicht so beschäftigt", sagt Marx. Schließlich hat er das Ziel, jener Spieler aus Herthas eigener Jugend zu werden, "der seit langem mal wieder den Sprung in die Bundesliga schafft".

In die Bundesliga will auch Denis Lapaczinski, und vielleicht wäre dieses Ziel für ihn einfacher zu erreichen gewesen, wenn er aus der Zweiten Liga nicht gleich zu einem Spitzenverein gewechselt wäre. Doch diese Frage hat sich nicht gestellt. "Es gab nur Angebote von Vereinen aus den oberen Regionen", sagt Lapaczinski. Rund vier Millionen Mark Ablöse musste Hertha für den 19-Jährigen an den SSV Reutlingen zahlen, die Medien haben Lapaczinski bereits zu Deutschlands größtem Abwehrtalent ernannt. Weil er mit gerade 19 Jahren als Libero die Abwehr des SSV Reutlingen erfolgreich organisiert hat, gilt Lapaczinski schon heute als zukünftiger Nationalspieler. Lapaczinski würde so etwas nie über sich selbst sagen. Er sei "mehr so der ruhige Typ".

Ein bisschen erinnert das alles an Sebastian Deisler. Der war ebenfalls 19, als er vor zwei Jahren zu Hertha wechselte. Was er seitdem in Berlin erreicht hat, findet Lapaczinski "schon bewundernswert". Auch deshalb, weil Deisler "immer noch auf dem Boden geblieben ist". Bei Denis Lapaczinski besteht ebenfalls keine allzu große Gefahr, dass er demnächst ein paar Meter über solidem Grund durch die große neue Wunderwelt Berlins schweben könnte. "Ich bin niemand, der den großen Rummel bevorzugt", sagt er. Der Satz könnte auch von Deisler stammen.

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