Sport : Hertha BSC: Souverän ausgeschieden

Sven Goldmann

Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten, der nächste Gegner ist immer der schwerste. Fehlt noch was? Ach ja, Pokalspiele haben ihre eigenen Gesetze. Auf die Fußball-Wirklichkeit im Jahr 2000 übertragen heißt das: Sie interessieren keinen mehr so recht. In England hat Manchester United keine Lust, in Spanien streikt der FC Barcelona, und in Deutschland hat Hertha BSC ... nun ja, schon besser gespielt als in Runde zwei des DFB-Pokals. Was will eine Mannschaft, die in der Champions League gekickt hat und sich in der Bundesliga an der Höhenluft der Tabellenführung berauscht, im DFB-Pokal? Einem Wettbewerb, der von den Großen immer mehr als Beschäftigungstherapie für die Kleinen empfunden wird? 1:3 hat Hertha BSC am Mittwoch in Wolfsburg verloren, aber besonders nah schien diese Niederlage niemandem zu gehen. "In der zweiten Halbzeit", sprach Libero René Tretschok, "haben wir versucht, das Spiel noch einmal zu drehen." Ja, sie haben es versucht. Aber nichts erzwungen.

Jürgen Röber hatte den schwarzen Zweireiher, den er sonst auf der Mannschaftsbank zu tragen pflegt, gegen einen fallschirmseidenen Trainingsanzug getauscht. Der war dem Wolfsburger Regen ebenso angemessen wie der Bedeutung des Ereignisses. Der Berliner Trainer hatte vorsichtshalber die Hälfte der Mannschaft, die am Sonntag in München an die Tabellenspitze der Bundesliga gestürmt war, draußen gelassen. Er sprach zwei, drei Pflichtsätze des Bedauerns über ausgelassene Torchancen, missglücktes Abwehrverhalten bei Standardsituationen und "dass wir natürlich jedes Spiel gewinnen wollen". Damit war die Affäre Pokal abgehakt, und Röber schwenkte um auf das nächste Bundesligaspiel gegen Werder Bremen. "Da müssen wir unsere Tabellenführung ausbauen, und das wird schwer genug." Warum er Verteidiger Dick van Burik ausgewechselt habe? "Ich muss doch daran denken, dass wir am Sonnabend ein wichtiges Spiel haben." Was ist mit Dariusz Wosz und Michael Hartmann, die die Reise nach Wolfsburg gar nicht erst angetreten hatten? "Na, ich gehe mal davon aus, dass sie am Sonnabend wieder dabei sind."

Wut klingt anders, oder Traurigkeit, wenigstens Enttäuschung. Sie sieht so aus wie Dieter Hoeneß. Der sonst so redselige Manager verließ am späten Abend "sauer und enttäuscht" das Stadion. Hoeneß ist neben seiner sportlichen Kompetenz zu sehr Geschäftsmann, als dass er die entgangenen Einnahmen im weiteren Pokalgeschehen emotionslos hätte abhaken können. Aus dieser Perspektive zählt weniger die sich künftig reduzierende Belastung denn die verpasste Chance. Ja, wenn Hertha denn bei einer Übermannschaft ausgeschieden wäre. Aber in Wolfsburg? Am Mittwoch drängte sich nicht unbedingt der Eindruck auf, als sei dort neben dem Volkswagen auch noch die Kunst des Balltretens erfunden worden. "Irgendwie seltsam, dass wir dieses Spiel verloren haben. Wir waren doch deutlich überlegen", sinnierte Kostas Konstantinidis. Hertha BSC war in der Tat die bessere Mannschaft. "Die Berliner sind hier mit breiter Brust aufgelaufen", befand Wolfsburgs Trainer Wolfgang Wolf, "man hat ihnen angesehen, dass sie das Selbstvertrauen eines Tabellenführers haben." Genau so haben sie auch gespielt. Klug und abwartend aus der Defensive mit einem guten René Tretschok und einem in der ersten Halbzeit sehr guten Stefan Beinlich. So spielt es sich schön, wenn man einen knappen Vorsprung über die Zeit bringen will. Hertha BSC aber hat in Wolfsburg nie geführt und lief seit der 30. Spielminute einen 1:2-Rückstand hinterher. Ohne inneres Feuer, ohne das, was die Fußballbranche unter Aufbäumen versteht. "Wir waren zwar überlegen", sagte Tretschok. "Aber richtige Torchancen haben wir uns eigentlich nicht herausgespielt."

Ohne Torchancen keine Tore, ohne Tore keine Siege. Das ist eines der Fußballgesetze, die auch im Pokal gelten.

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