Hertha BSC : Thomas Kraft und das Neuer-Gefühl

Herthas Torwart Thomas Kraft bekommt ähnlich selten Gegentore wie Bayerns Keeper in der Ersten Liga. Auch am Sonnabend gegen 1860 will er beschäftigungslos glänzen.

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Bequeme Haltung. Thomas Kraft bekommt als Hertha-Torwart wenig zu tun – genau das macht die Sache so anstrengend.
Bequeme Haltung. Thomas Kraft bekommt als Hertha-Torwart wenig zu tun – genau das macht die Sache so anstrengend.Foto: picture alliance / Baumann

Es gibt durchaus Zeitgenossen, die Manuel Neuer bei Deutschland- oder Bayernspielen mit einem Flachmann vergleichen: Man brauche ihn zwar nicht immer, aber es gebe einem diese gewisse Sicherheit, ihn dabei zu haben. Denn manchmal benötige man ihn plötzlich doch. Ein, zugegeben, eigenwilliger Vergleich. Zumal es der Torwart bei einigen Spielen der Münchner eher selbst ist, der zur Flasche greifen könnte, um sich bei all der Beschäftigungslosigkeit zu erwärmen.

Bei Thomas Kraft ist es noch nicht soweit. „Ich habe schon noch ein anderes Beschäftigungslevel als Manuel Neuer“, sagt der Torsteher von Hertha BSC. Doch die Parallelen fallen auch ihm auf. Zehnmal erst musste der Münchner in 24 Bundesligaspielen den Ball aus dem Netz fischen, Kraft zwölfmal in 20 Zweitligabegegnungen, auch nicht eben oft. Den Weg hinter die eigene Torlinie konnte sich Neuer in 16 Spielen sparen, Kraft immerhin in zehn.

Ein Zustand der Arbeitslosigkeit, der dazu führt, dass die Torhüter zeitweise in Vergessenheit geraten wie der Inhalt der eigenen Mantelinnentasche. „Wenn man deutlich gewinnt, wissen die Leute hinterher nicht mehr, was der Torwart geleistet hat“, sagt Kraft über sein persönliches Neuer-Gefühl. Sein Trainer stimmt da zu. „Es ist schwierig für unsere Torhüter, auf sich aufmerksam zu machen und Bestnoten zu bekommen, weil wir kaum Chancen des Gegners zulassen“, sagt Jos Luhukay. Nur zwei Schüsse pro Spiel darf Kraft laut offizieller Bundesligastatistik halten.

Die Kunst besteht in einer solchen Beschäftungslage nicht in blitzschnellen Reflexen, sondern in beständigem Nichtwegnicken. „Ein Spiel mit weniger Betrieb ist schwieriger“, sagt Kraft. „Wenn man unter Dauerbeschuss ist, ist die Konzentration automatisch hochgefahren.“ So aber muss sich der 24-Jährige manche Partien interessant denken: „In den Pausen versucht man das Spiel zu lesen, Situationen zu erahnen, die Vorderleute richtig zu stellen.“ Krafts Schreierei ist gefürchtet unter Kollegen, im Training wie im Spiel. Doch hält er damit nicht nur die Vorderleute wach, sondern auch sich selbst. Das ist anstrengend genug: „Ich merke, dass ich nach Spielen, in denen ich wenig zu tun hatte, abends viel erschöpfter bin.“ Denn er kann ja jederzeit kommen, der Augenblick, in dem man gebraucht wird, der Flachmannmoment, wenn man so will.

Und doch sieht man sie kaum noch, gelangweilte, frierende Torhüter, die sich im Strafraum warmhüpfen oder Gymnastik an der Torstange vollführen. „Ein moderner, mitspielender Torwart hat mehr Ballkontakte mit dem Fuß und läuft fünf bis sieben Kilometer pro Spiel“, erklärt Kraft, früher seien es zwei bis drei gewesen.

Nützlich dabei, im Kopf aktiv zu bleiben, war ihm die Zeit in München, wohin der Mann aus dem Westerwald heute beim Spiel gegen den TSV1860 (13 Uhr) zurückkehrt. Sieben Jahre spielte er beim FC Bayern, „da gab es von der Jugend an viele Spiele, in denen ich kaum einen Ball zu halten bekam“, erinnert sich Kraft. Und er hatte einen guten Lehrmeister. „Oliver Kahn hat das unmenschlich beherrscht, diesen einen Ball zu halten, so ist er zur Weltklasse aufgestiegen.“ Bis heute erinnert Kraft in seinem Torwartspiel an den Knurrer aus Karlsruhe.

Aber mitnichten sieht er sich als ausgelernt an. „Ich merke, dass ich Fortschritte mache“, sagt er, er halte die Konzentration nun besser. 77 Prozent der Torschüsse wehrt er ab, mehr als jeder andere Stammtorwart in der Zweiten Liga. „Eine Saison wie diese ist für einen jungen Torwart extrem gut für die Entwicklung“, sagt Luhukay. „Einen guten Torwart für die Zukunft zeichnet es aus, konzentrationsfähig zu sein.“ Und in der Zukunft, nach dem wohl unabwendbaren Aufstieg, wird Kraft einiges an Mehrarbeit bekommen.

Das ist Kraft nicht unrecht. „Ein Torwart will immer viele Bälle halten“, sagt er, aber erinnert an etwas, das ihm Louis van Gaal damals als Bayerntrainer mit auf dem Weg gegeben hat: „Wenn du nichts zu halten hast, dann haben wir ein gutes Spiel gemacht, denn du hast nichts auf Tor bekommen und ich habe gut gecoacht.“

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