Sport : Hertha BSC: Üben für die Zeit nach Deisler

Stefan Hermanns

Für Sebastian Deisler hat die Zukunft bereits begonnen. Er gilt schon jetzt als Angestellter des FC Bayern München. Zumindest bei vielen Fußball-Fans. In Hamburg, beim Spiel seiner Hertha gegen den HSV, wurde Deisler von den heimischen Fans jedesmal ausgepfiffen, wenn er sich den Ball zum Eckball zurechtlegte. In manchen deutschen Regionen sind Bayernspieler eben nicht gerade beliebt, in Hamburg zum Beispiel. Dabei ist offiziell noch gar nichts offiziell. Jörg Neubauer, Deislers Berater, beharrt darauf, dass die Entscheidung erst im Winter falle, damit Deisler bis dahin den Kopf frei habe für Hertha. Daran änderten auch die Indizien nichts, die in der vergangenen Woche von "Sport-Bild" und "Bild" vorgelegt wurden.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Von fertigen Vereinbarungen zwischen Deisler und den Bayern war die Rede und von einem Handgeld über 20 Millionen Mark, das er bereits erhalten habe. "Wie solche Geschichten rüberkommen, können wir nicht beeinflussen", sagte Neubauer. Dass "solche Geschichten" falsch sind, sagte er nicht. Es ist wohl so, dass Deutschlands wertvollster Fußballer ab der kommenden Saison für Bayern München spielt, auch wenn Deislers Kollegen das noch nicht wahrhaben wollen. "Keine Ahnung", sagt Marko Rehmer. Wahr ist auf jeden Fall, dass Deisler seiner Mannschaft vier bis sechs Wochen fehlen wird. Beim 0:4 in Hamburg zog er sich einen Kapselriss am rechten Kniegelenk zu.

Der Ausfall ist für die kriselnde Hertha schwer zu verkraften - jetzt und ab dem kommenden Sommer erst recht. 18 Millionen Mark bekommt Hertha BSC für den Transfer Deislers nach München. Auf den ersten Blick mag dies eine hübsche Summe sein, in Wirklichkeit handelt es sich nur um eine unzureichende Entschädigung. Nicht nur, weil Deislers Marktwert längst auf 75 Millionen Mark geschätzt wird, sondern auch weil der Nationalspieler für Hertha in schwieriger Zeit unersetzlich erscheint.

Herthas Krise ist eine Krise ihrer Führungsspieler. Das fängt hinten bei Torhüter Gabor Kiraly an und endet vorne bei Michael Preetz. Lediglich Deisler ist in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Michael Preetz stolperte den Ball beim Stand von 0:0 aus vier Meter Entfernung am Tor vorbei. Dick van Burik betätigte sich bei Ketelaers 2:0 als eher passiver Begleiter des Torschützen, beim 0:3 verließ sich Kostas Konstantinidis auf Kiraly, der wiederum vertraute seinem Instinkt und täuschte sich gewaltig, als Erik Meijer den Ball noch vor der Torauslinie in den Fünfmeterraum zurück köpfen konnte. Und beim 0:4 durfte erst Hoogma ungehindert flanken, dann konnte Barbarez das Kopfballduell gegen Konstantinidis gewinnen und Benyamin unbedrängt vollenden. "Wir machen zwei Schritten nach vorn und dann einen großen zurück", sagte Röber. "Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison."

In Hamburg brauchten die Berliner nach einer guten halben Stunde ganze vier Minuten, um all das wieder kaputtzumachen, was sie sich vor zwei Wochen mit dem 3:0-Sieg gegen den 1. FC Köln scheinbar aufgebaut hatten. 0:2 hieß es zur Halbzeitpause, als Trainer Jürgen Röber seinen Spielern zu erklären versuchte, dass sie jetzt zunächst einmal hinten sicher stehen sollten und dass sie dann auch noch ihre Chancen bekommen würden. Wenn ihnen der Anschlusstreffer gelinge, "dann fangen die Hamburger an zu flattern", sagte Röber. "Und dann kommst du aus der Kabine, setzt dich wieder auf die Bank, und es steht 3:0." Es fehle eben an Leuten, "die dafür sorgen, dass so etwas nicht passiert", sagte Herthas Trainer.

Jürgen Röber hat festgestellt, "dass die Stabilität nicht da ist". Woran das liegt, vermag jedoch niemand zu sagen. Immerhin ist Manager Dieter Hoeneß zu der Erkenntnis gelangt, "dass wir stagnieren. Ich möchte einfach, dass sich jeder für jeden einsetzt. Da muss man auch einmal die Drecksarbeit leisten." Trotzdem ist Hoeneß "nach wie vor überzeugt, dass die Mannschaft die Kurve kriegt".

Nur, wo Herthas Weg in dieser Saison noch hinführen kann, ist nach dem bislang äußerst bescheidenen Saisonverlauf fraglich. Nach zehn Spieltagen hatte Jürgen Röber ein erstes Fazit ziehen wollen, nach dem neunten Spieltag und der bereits vierten Niederlage sagte er: "Das Fazit ist nicht gut." Das Saisonziel, die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb, vielleicht sogar für die Champions League, scheint ernsthaft in Gefahr. "Ich glaube, dieses Saisonziel haben wir schon lange revidiert", sagte Jürgen Röber.

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