Sport : Hertha BSC: Verlängerung einer Momentaufnahme

Michael Rosentritt

So ganz genau wusste Jürgen Röber nicht, wie oft er schon vom ZDF ins Sportstudio geladen wurde. "Ich weiß nur, dass ich beim ersten Mal, als ich da war, fast schon weg war", sagte der Trainer von Hertha BSC am vergangenen späten Sonnabendnachmittag, bevor er sich erneut in Richtung Mainz aufmachte. Das ZDF hatte ihm eine Einladung zukommen lassen, diesmal allerdings als Trainer des Tabellenführers der Bundesliga. Die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen die Anlässe.

Röber erinnert nur noch an seinen Auftritt am 25. Oktober des Jahres 1997. In den Nachmittagsstunden des Tages hatte seine Elf den Karlsruher SC mit 3:1 im Berliner Olympiastadion vor 30 000 Zuschauern geschlagen. Es war der zwölfte Spieltag. Damals war Hertha noch Tabellenletzter mit sechs Punkten (ein Sieg, drei Unentschieden, sieben Niederlagen und einem Torverhältnis von 8:22. Am Vortag hatte das Präsidium des Vereins eine Krisensitzung abgehalten und beschlossen, "dass in den Tagen nach dem Spiel gegen den KSC über die weitere Tätigkeit von Herrn Röber bei Hertha BSC entschieden" werde. Der 3:1-Sieg rettete dem Trainer vorerst seinen Job, doch sagte Röber vor dem Abflug nach Mainz: "Diese Situation wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht." So war das also damals.

"Als Hauptstadtklub muss man sich das Ziel Meisterschaft setzen. Da wollen wir auch hin." Das sagte Röber vorgestern. Fast genau drei Jahre liegen dazwischen. Und keiner wollte mehr den Satz hören, den Röber vorsichtshalber hinterherschob: "Aber es muss sich alles erst entwickeln."

Dabei hat sich schon einiges entwickelt. Hertha BSC sprang vor einer Woche ans obere Ende der Tabelle und hat diesen Platz mit einem souveränen 4:1-Sieg über Bremen ein erstes Mal erfolgreich verteidigen können, was besonders Manager Dieter Hoeneß stolz machte. Hoeneß, der übrigens am 25. April des Jahres 1995 zusammen mit Trainer Jürgen Röber sowie dessen Kotrainer Bernd Storck vom VfB Stuttgart entlassen wurde, sagte: "Unser Ziel ist es ja nicht, immer an der Spitze zu sein. Doch diese Leistung gegen Bremen halte ich nicht für normal." Hoeneß weiß aus eigenem Erleben als Stürmer des FC Bayern, welche Gefahren und Belastungen eine Tabellenführung mit sich bringen kann. Nur verfüge Hertha noch nicht über diesen Erfahrungsschatz. "Wissen Sie, jede Mannschaft, die gegen uns spielt, will doch nur eins: den Tabellenführer stürzen. Jeder Trainer arbeitet mit diesem Moment." Die Mannschaften seien noch motivierter als sonst. Auf den Druck und die Gefahren hinzuweisen, darüber zu reden, sei das eine. "Es aber umzusetzen, den Druck in Energie zu verwandeln, darauf kommt es an. Gegen Bremen hat Hertha das eindrucksvoll getan", sagte Hoeneß.

Jetzt gelte es, an der Verlängerung der "Momentaufnahme" (Röber) weiterzubasteln. Dazwischen aber liegt das Uefa-Cup-Rückspiel morgen in Wronki. Dieses Spiel dürfe niemand als störend empfinden. Hoeneß war in der vergangenen Woche Zeuge eines lustlosen Auftritts Herthas beim VfL Wolfburg und dem Ausscheiden aus dem DFB-Pokal. "Das wird sich nicht wiederholen", sagte Hoeneß, schon gar nicht in Wronki. Hertha könne nach einem 3:1-Sieg im Hinspiel die dritte Runde im Uefa-Cup erreichen und mit dem Geldverdienen anfangen. Bei dem Wort Meisterschaft spitzt der Manager ebenso seine Ohren wie beim Wort Mehrbelastung. "Ich würde lieber von einer zusätzlichen Möglichkeit sprechen, als darüber zu lamentieren, ob der Zeitpunkt jetzt günstig ist." Das Saisonziel ist und bleibt das Erreichen eines internationalen Startplatzes, also mindestens Rang sechs. Gern darf es mehr sein, von Platz vier aufwärts und damit die Qualifikationschance für die Champions League. Eine Tabellenführung muss dabei nicht das Schlechteste sein. Nur was ist, wenn Hertha weiter erfolgreich spielt? "Je länger wir da oben stehen, desto leichter wird es für uns. Wir wissen, wie wir damit umzugehen haben. Die Dinge, die in diesem Zusammenhang auf uns zukommen, überraschen uns nicht", sagt Hoeneß. "Aber wenn wirklich Probleme damit auftauchen sollten, dann sage ich nur: Diese Probleme hätte ich gern."

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