• Hertha BSC vor dem Zweitliga-Spitzenspiel: Luhukay will mehr Euphorie auf den Rängen

Hertha BSC vor dem Zweitliga-Spitzenspiel : Luhukay will mehr Euphorie auf den Rängen

Hertha hofft gegen Braunschweig, dass das Publikum den Klub im Angesicht des Aufstiegs wiederentdeckt. Denn bisher kamen in dieser Saison weniger Zuschauer als kalkuliert.

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Nur zu Hertha kommen sie nicht. Auch der Vereinshymnenbarde Frank Zander (im Vordergrund) konnte in dieser Saison nicht mehr Zuschauer zu Heimspielen ins Olympiastadion locken.
Nur zu Hertha kommen sie nicht. Auch der Vereinshymnenbarde Frank Zander (im Vordergrund) konnte in dieser Saison nicht mehr...Foto: dpa

Jos Luhukay machte neulich eine bemerkenswerte Rechnung auf. „Vergangenes Jahr beim FC Augsburg sind sieben meiner Spieler Vater geworden“, verriet der Trainer von Hertha BSC. „Das war eine fruchtbare Situation, fast schon ein Ansporn in der Mannschaft, wer als nächstes nachlegt.“

Auch bei Hertha würde er sich über Zuwachs freuen. Nicht unbedingt über familiären bei seinen Fußballern – auch wenn Luhukay durchaus schätzt, wenn sie mehr Verantwortung übernähmen und mehr Zeit zu Hause verbrächten. Der Trainer denkt eher an die Zuschauer. 50 000 erwartet der Verein zum Spitzenspiel am Montagabend im Olympiastadion, wenn der Tabellenerste Hertha gegen den Zweiten Eintracht Braunschweig um die Vorentscheidung auf die leidlich begehrte Zweitligameisterfelge spielt (20.15 Uhr, live bei Sport1). „Eine klasse Kulisse, aber wir hoffen auf noch mehr, dass es Richtung ausverkauft geht“, sagt Luhukay. Ein wohl eher frommer Wunsch, ein randvolles Oval gibt es in Berlin nur, wenn Union, Dortmund oder die Bayern als Gäste kommen. Oder bei Aufstiegsfeiern. Genau das scheint Herthas Hoffnung zu sein: Dass die Berliner den Verein wiederentdecken, angesichts der absehbaren Feierlichkeiten zur Bundesligarückkehr.

36 982 Zuschauer kamen im Schnitt zu Heimspielen, die kalkulierte Marke von 38 000 wurde bisher verfehlt. Im letzten Zweitligajahr kamen noch 10 000 Fans mehr. Rechnet man das ausverkaufte Derby heraus, sind es knapp unter 34 000 im Schnitt. So schlecht war der offizielle Besuch seit der Saison 2001/02 nicht mehr. Dabei könnten Zuschauereinnahmen den Millionenverlust in dieser Saison mindern. Selbst Spitzenheimspiele gegen Köln, 1860 München oder Kaiserslautern lagen unter dem kalkulierten Zuschauerzuspruch. Doch das soll sich nun ändern, endlich soll Euphorie spürbar sein.

„Ich merke, dass ich immer öfter angesprochen werde, dass es kribbelt bei den Leuten“, sagt Luhukay im Angesicht des nahenden Aufstieges. „Die Menschen in Berlin werfen wieder mehr ein Auge auf Hertha, nach Siegen gehen die Fans wieder mit breiter Brust zur Arbeit.“ Als Anzeichen nimmt er den Andrang, der vor der Hertha-Geschäftsstelle für Auswärtstickets beim FC St. Pauli herrschte.

„Von dem Gefühl bekomme ich nichts mit“, sagt Steffen Toll vom Förderkreis Ostkurve, der in Fankreisen vernetzt ist und so Stimmungen empfängt. Der harte Kern kommt immer, abseits der Kurve sieht es leerer aus. „30 000 ist unsere Zahl“, sagt Toll. Zu den 16 000 Dauerkarteninhabern kann Hertha aus eigener Kraft 14 000 Menschen mobilisieren. Wenn mehr Zuschauer kommen, dann meist des Gegners wegen, wenn Derby ist oder Dresden 15 000 Fans mitbringt. Am Montag reisen etwa 8500 Braunschweiger an. Hinzu kommen also noch über 10 000 weitere Besucher, die ein Zweitligaspitzenspiel sehen wollen – oder die von Hertha wieder erreicht werden. „Ich möchte Gänsehaut spüren“, fordert Luhukay vom Anhang. „Das gibt den Spielern Antrieb, je näher der Aufstieg kommt.“ Der Niederländer hofft, dass die Fans die Mannschaft ein Stück weit in die Bundesliga tragen. Ob der nahende Aufstieg Euphorie entfacht? „Irgendwann passiert’s halt“, sagt Ostkurvenfan Toll. Ein bisschen ist es wie bei der Meisterschaft von Bayern München: Man wartet nur auf den Vollzug, der kaum emotionalisiert.

Es droht Hertha gar, am Fernseher aufzusteigen: Falls man nach Siegen gegen Braunschweig und in Ingolstadt abwarten muss, ob Kaiserslautern Montag in einer Woche in Aue siegt. „Hoffentlich steigen wir in einem Heimspiel auf“, sagt Luhukay, „das ist ein geiles Gefühl.“ Für die letzten vier Heimspiele hofft der Trainer, vor je 50 000 bis 70 000 Zuschauern zu spielen, „die hoffentlich etwas mitnehmen, um nächste Saison wiederzukommen“.

Luhukay hat es selbst erlebt, als Gast mit Augsburg bei Herthas letztem Heimspiel 2010/2011, da feierten 77 000 Zuschauer den Aufstieg. Danach war von einer neuen Verbundenheit zwischen Hertha und den Berlinern die Rede. Aber die Stimmung hat sich längst gedreht. „Mittlerweile hat man sich an die Zweite Liga gewöhnt“, sagt Toll. Dazu haben der Abstieg und die katastrophale Außendarstellung des Klubs Narben hinterlassen. Viele Fans kündigten ihre Dauerkarten und kamen trotz günstiger Lockangebote nicht zurück. „Ein so souveräner Aufstieg ist schon eine Werbung, aber das ändert die Meinung bei vielen trotzdem nicht“, glaubt Toll. Hertha muss sich beim fußballinteressierten Berliner Publikum erst wieder Kredit erspielen. Aber aus Erfahrung ist er sicher: „Wenn es Erstligafußball zu sehen gibt, dann kommen sie schon wieder.“

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