Hertha BSC : Was nützt die Liebe in Gedanken?

"Eine kaum erträgliche Geschichte": Selbst nach einem Auftritt ohne Leidenschaft hat Trainer Favre für Herthas Spieler noch Lob übrig.

Sven Goldmann
Friedrich
Mit Akkuratesse dem Porsche gewidmet: Arne Friedrich. -Foto: ddp

Berlin - Es war kurz nach elf, als Arne Friedrichs Porsche vorfuhr. Die Fahrertür ging auf, und dann waren aus der Ferne zwei fleißige Arme zu sehen, die sich hingebungsvoll dem Polieren der Chromaufsätze widmeten. Erst die Außenspiegel, dann die Stoßstange, zum Schluss die Felgen. Die Zuschauer hätten gestaunt, wenn denn welche da gewesen wären beim Vormittagstraining von Hertha BSC. Welche Leidenschaft, welch Engagement. Warum nur war nichts davon am Dienstag zu sehen, als die Herren Berufsfußballspieler ihrer eigentlichen Beschäftigung nachgingen?

Wenn sich denn etwas Positives sagen lässt über das auch in dieser Höhe verdiente 0:0 gegen den Hamburger SV, dann war es die Akkuratesse, mit der die Berliner ihr Spiel dem Wetter anpassten. Es regnete. Der Fernsehreporter Marcel Reif nannte das Spiel in seiner Livereportage „eine kaum erträgliche Geschichte“. Reif ist bekannt als kritischer Geist – aber auch als einer, der den Fußball liebt. Den schönen, den ehrlichen Fußball. Er hätte seine Freude gehabt an der Einschätzung von Herthas Ungarn Pal Dardai, die da lautete: „Es gibt nichts zu sagen.“

Leider hielt sich kaum jemand der Beteiligten an Dardais weise Empfehlung. Der Hamburger Trainer Huub Stevens behauptete später allen Ernstes, er habe ein „ganz gutes Fußballspiel gesehen“, und als der Reporter einer Schweizer Zeitung nachfragte, wie denn ein mittelmäßiges Spiel aussehen würde, wenn dieses vor 40 000 bedauernswerten Zuschauern im Olympiastadion ein ganz gutes war, da fauchte der Holländer zurück, er werde doch seine Meinung sagen dürfen. Womit mal wieder der Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Wahrheit herausgestellt wäre. Stevens ist bekanntlich kein Anhänger feuriger Offensive, ein 0:0 ist ihm allemal lieber als ein 3:3.

Von seinem Berliner Kollegen Lucien Favre heißt es, er habe sich dem Angriffsfußball verschrieben, und wenn davon noch wenig zu sehen sei bei Hertha, dann liege es am ungeeigneten Personal. Am Dienstag aber befand Favre, seine Mannschaft habe nach Anlaufproblemen erst besser und später „noch ein wenig mehr besser“ gespielt. Über so eine grammatikalische Hürde kann ein frankophoner Muttersprachler schon mal stolpern. Viel irritierender war, dass der Schweizer Fußballlehrer es auch inhaltlich völlig ernst meinte. Ganz im Sinne seines Kapitäns Arne Friedrich, der im Kabinengang sinnierte, seine Mannschaft benötige endlich mal das nötige Glück bei einer der herausgespielten Torchancen. Welche Torchancen? Einmal schoss der bemüht-kopflose Patrick Ebert kläglich weit vorbei, ein anderes Mal zwirbelte Lukasz Piszczek den Ball mit einem hübschen Fersenkick ins Tor, aber da hatte der Schiedsrichter längst abgepfiffen und die Hamburger Abwehr alle Anstrengungen eingestellt. Mehr war nicht.

Lucien Favre wird sich gefreut haben, dass später niemand nach dem verletzten Torjäger Marko Pantelic fragte. Favre redet nicht gern über Verletzte und über Pantelic schon gar nicht. Und doch steht nach dem Spiel gegen den HSV die Erkenntnis, dass sich ohne die serbische Diva nicht viel regt im Berliner Angriff. Keiner weiß, wie lange Pantelic sich noch mit der Zyste in der Wade plagen wird. Ähnliches gilt für seinen ebenfalls angeschlagenen Kompagnon Raffael. Aber der kleine Brasilianer ist ohnehin eher ein Einfädler, ein Schleicher zwischen den Linien. Wem aber soll er in dieser Mannschaft den Ball zum erfolgreichen Torschuss auflegen? Der Brasilianer Lima hat im Training ein paar Kilo abgespeckt und damit offensichtlich den letzten Rest an Bedrohungspotenzial. Den Polen Piszczek hat Favre vorsichtshalber ins defensive Mittelfeld zurückgezogen. Und der Bulgare Domowtschiski behauptet tapfer seinen Platz auf der Ersatzbank.

Wer also soll die Tore schießen für Hertha BSC? Wie will der Berliner Bundesligist die Kundschaft davon überzeugen, dass ein Besuch des Olympiastadions auch in den verbleibenden beiden Heimspielen dieser Saison lohnt, obwohl doch in der Tabelle weder nach oben noch nach unten viel möglich ist? Das funktioniert nur über Leidenschaft und die Liebe zur Schönheit, so wie gestern Vormittag an Arne Friedrichs Auto demonstriert. Doch, oh weh, auch auf dem Parkplatz vor der Kabine war mehr Schein als Sein. Es war eine bezahlte Aushilfskraft, die den Porsche putzte, während Friedrich und seine Kollegen mit ihren Mountainbikes durch den Grunewald radelten.

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