Hertha BSC - Wattenscheid vor 25 Jahren : Das Spiel zum Mauerfall

Die Zweitligapartie von Hertha BSC gegen Wattenscheid am 11. November 1989 im Olympiastadion war nicht prädestiniert, in die Fußballgeschichte einzugehen. Doch sie wurde zu einer ganz besonderen.

Fabien Matthias
Plötzlich ist die Mauer weg. Die Spieler der SG Wattenscheid, hier bei einem Spiel gegen Homburg, erlebten ein besonderes Spiel am 11. November 1989 bei Hertha BSC in Berlin.
Plötzlich ist die Mauer weg. Die Spieler der SG Wattenscheid, hier bei einem Spiel gegen Homburg, erlebten ein besonderes Spiel am...

Schon vor dem Spiel war Frank Kontny von West-Berlin überrascht. Überall in der Stadt tuckerten Trabis durch die Straßen. Aber noch überraschter war er, als er in das Olympiastadion einlief: „Es war ein herausragender Moment“, beschreibt der heute 48 Jährige, „wir hatten mit 10 000 bis 12 000 Fans gerechnet und wurden letzten Endes von 60 000 unterstützt.“ Kontny ist Abwehrspieler von Wattenscheid 09. Mit seiner Mannschaft ist er zu einem eigentlich ganz normalen Zweitligaspiel gegen Hertha BSC nach Berlin gereist. Alles andere als eine Spitzenpartie, es war der 17. Spieltag der Saison 1989/90. Doch das Olympiastadion ist fast voll besetzt – denn es war eben auch der 11. November 1989. Kontny sah die Begegnung als Ersatzspieler von der Bank aus.

44 174 Zuschauer wurden offiziell gezählt, inoffiziell geht man von deutlich mehr Besuchern aus – die dann ohne Eintrittskarte ins Olympiastadion gelassen wurden. Denn zwei Tage nachdem die Berliner Mauer gefallen war, saßen die Berliner erstmals seit nunmehr 28 Jahren gemeinsam bei einem Fußballspiel. Mehr als 10.000 Freikarten waren gegen Vorlage eines DDR-Ausweises ausgegeben worden. Die Atmosphäre war wirklich besonders. Ganz im Gegensatz zu einer Erstliga-Partie, die drei Tage zuvor in Ost-Berlin über die Bühne ging. Die Oberligisten BFC Dynamo und Stahl Eisenhüttenstadt trennten sich in einem lahmen Spiel 0:0 – und das lediglich vor geschätzten 2000 Zuschauern.

Vor dem Spiel wurde im Olympiastadion jeder Berliner Bezirk einzeln vom Stadionsprecher aufgerufen und willkommen geheißen, wobei die Zuschauer ihm jeweils mit großem Jubel antworteten. „Ich werde das Einlaufen ins Stadion mein Leben lang nicht vergessen, ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke“, erinnert sich Frank Kontny, der heute Manager von Rot-Weiß Oberhausen ist. Wenn er darüber spricht, ist Rührung spürbar. „Wir waren durch die Umstände besonders motiviert, Leistung zu zeigen“.

Doch wirklich fabelhaft ging es auf dem Rasen nicht zu. Das Spiel endete 1:1. Was am Ende auf der Anzeigentafel stand, war aber auch egal. Das war auch den beteiligten Spielern damals bewusst. „Eigentlich war das Ergebnis völlig nebensächlich“, sagte Herthas Torwart Walter Junghans nach der Partie. Auch der damalige Berliner Trainer Werner Fuchs war ergriffen. „Die Mannschaft saß vor dem Spiel schweigend in der Kabine. Alle waren wie gelähmt vor Rührung und bewegt durch den Druck eines unerwartet historischen Spiels“, schildert er nach dem Abpfiff, sichtlich bewegt von den Ereignissen in der Hauptstadt. Und Frank Kontnys Wattenscheider Coach Hannes Bongartz sagte: „Wir freuen uns, diesen 11.11. in Berlin miterlebt zu haben. Meine Spieler und ich waren seit der Ankunft von Geschehnissen in dieser Stadt stark berührt.“

Mehr von dieser besonderen Stimmung in Berlin können die Wattenscheider jedoch nicht aufsaugen. Direkt nach dem Spiel flog Kontny mitsamt Mannschaft zurück nach Hause.

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