Sport : Hertha BSC: Wenn der Schiedsrichter angepiepst wird

Klaus Rocca

Er habe, sagt Jürgen Röber, einen großen Bogen um ihn gemacht. Um Bernd Heynemann. Dass Heynemann, einer der renommiertesten Schiedsrichter Deutschlands, ihm aus dem Weg gegangen ist, wertet der Trainer von Hertha BSC als Indiz für schlechtes Gewissen. Muss er das haben, der Bernd Heynemann?

Die Fakten: Heynemann stellte Alex Alves, Herthas Brasilianer, beim Fußball-Bundesligaspiel in Leverkusen mit der Roten Karte vom Platz. Maßgeblich war dafür die Aussage seines Assistenten Markus Scheibel, den Heynemann befragt hatte. Scheibel empfand das Verhalten von Alves bei der Rangelei mit Robert Kovac als so gravierend, dass er sich für den Platzverweis stark machte.

Beide, Heynemann und Scheibel, zogen sich den Zorn der Berliner Verantwortlichen zu. Manager Dieter Hoeneß ("Ich war stinksauer und habe ihm ein paar passende Worte gesagt, ihn aber nicht beleidigt") wäre Scheibel am liebsten an den Kragen gegangen, Trainer Röber sprach von einem "Witz", obwohl ihm nach Lachen nun wahrlich nicht zumute war.

Der Groll auf Heynemann richtet sich gegen dessen Entscheidung, den weiter vom Tatort entfernt stehenden Linienrichter befragt und daraufhin seine offenbar ursprüngliche Entscheidung, Alves nur zu verwarnen, geändert zu haben. Die durchaus logische Schlussfolgerung: Heynemann hätte die Situation besser beurteilen können. Deshalb sei es völlig überflüssig gewesen, Scheibel zu konsultieren.

Heynemann ließ den Vorwurf nicht gelten: "Ich bin von meinem Assistenten angepiepst worden. Daraufhin haben wir uns kurzgeschlossen." Zur Erinnerung: Seit der letzten Europameisterschaft sind Schiedsrichter und ihre Assistenten per Funkkontakt verbunden. Damit soll eine bessere Kommunikation erreicht werden.

Zur Sache wollte sich Heynemann nicht äußern: "Das ist ein schwebendes Verfahren. Dazu sage ich nichts." Der 46-Jährige, der gerade aus Altersgründen als Fifa-Schiedsrichter ausschied, wird einen Sonderbericht für die Verhandlung vor der DFB-Sportgerichtsbarkeit anfertigen. Bei dieser Verhandlung werden auch Scheibel und der Schiedsrichterbeobachter anwesend sein. Letzterer saß in der BayArena neben Herthas Präsident Bernd Schiphorst. "Er hat sich sehr vorsichtig geäußert, wollte erst die Fernsehbilder abwarten", sagte Schiphorst nach dem Spiel.

Der von Röber bei der Pressekonferenz vollmundig angekündigte Protest Herthas gegen den Feldverweis wird (vorerst) nicht eingelegt. Gestern sahen sich Alves und die Hertha-Verantwortlichen die Video-Aufzeichnung des Vorfalls an. Möglicherweise sind da einige Zweifel aufgekommen. "Wir wollen erst den Schiedsrichterbericht abwarten", kommentierte Pressesprecher Hans-Georg Felder. Sollte darin von einem besonders schweren Vergehen des Brasilianers die Rede sein, wird protestiert, sonst nicht. Hertha wird sich beim DFB um einen möglichst schnellen Verhandlungstermin bemühen.

Dabei spielt die Hoffnung eine Rolle, Alves nach der obligatorischen Sperre für ein Spiel (morgen fehlt er beim Duell mit dem 1. FC Kaiserslautern) schon am Sonntag im Topspiel gegen den FC Bayern München einsetzen zu können. Die Hoffnung zu teilen, fällt schwer. Schließlich war Alves im Juli in Lübeck, auch da von Heynemann, beim Ligapokal-Spiel gegen den Hamburger SV schon einmal mit der Roten Karte bedacht worden. Damals wurde der Stürmer wegen einer "Tätlichkeit in einem leichteren Fall" für sechs Spiele gesperrt. Bernd Heynemann hatte übrigens auch da den Feldverweis erst nach Rücksprache mit seinem Assistenten ausgesprochen. Allerdings geschah die Attacke des Berliner Brasilianers gegen Robert Kovacs Bruder Nico hinter dem Rücken des Schiedsrichters.

Für Alves ist die Sperre ein weiterer Rückschlag. Gerade erst war er nach seinem Muskelfaserriss wieder fit geworden. In Leverkusen zeigte er nach seiner Einwechslung gute Ansätze. Allerdings sammelte er schon früh durch ständiges Reklamieren und den Versuch, einen Elfmeter herauszuschinden, beim Schiedsrichtergespann Minuspunkte. Bei Hertha täte man gut daran, sich Alves mal zur Brust zu nehmen. Im Interesse von Alves und des Vereins. Schließlich kann es nicht der Sinn sein, dass sich der teuerste Spieler des Vereins durch Unbeherrschtheiten immer wieder selbst aus dem Verkehr zieht.

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