Sport : Hertha BSC: Wider die teutonische Disziplin

Michael Rosentritt

Jürgen Röber strahlte gestern wie sonst nur die Sonne über - sagen wir Brasilien. Der Trainer von Hertha BSC sollte erzählen, was er denn hält vom neuen Brasilianer. Röber zwinkerte und sagt, dass er sich nicht von Meldungen blenden lassen wolle, wonach die Verhandlungen, die Manager Dieter Hoeneß in reichlicher Entfernung führt, bereits ein positives Ende gefunden haben. Immerhin: "Sollte der Abschluss klappen, dann bekommen wir einen sehr guten Spieler." Marcelinho heißt der Mann, den Röber nur vom Video kennt. "Das ist normal und geht ja nicht anders", sagt Röber. "Der Manager war einige Male drüben, und unser Spielerbeobachter Rudi Wojtowicz hat ja sein zweites Zuhause da gefunden." So oft hält sich Wojtowicz inzwischen in Südamerika auf. Und so viel Interesse hat Hertha an südamerikanischen Spielern.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Marcelinho soll sieben Millionen Dollar kosten. Vier Millionen sollen zu Olympique Marseille sofort fließen, die restlichen drei an Marcelinhos derzeitigen Arbeitgeber Gremio Porto Alegre, der den Spieler aus Marseille geholt hatte. Die Brasilianer vereinbarten mit den Franzosen eine Ratenzahlung. Marcelinho wäre so teuer wie Alex Alves, den Hoeneß in den Wirren des Millenniums für 15 Millionen Mark im brasilianischen Hinterland gekauft hatte. "Solch ein Transfer bietet eine große Chance, birgt aber auch Risiken", sagte Hoeneß noch vor wenigen Wochen. Womit wir beim eigentlichen Problem sind. Nach vielen Irrläufern ist Herthas teuerster Mann nach eineinhalb Jahren noch immer nicht angekommen. Seine neun Bundesligatore haben wenige Zweifler überzeugt. Selbst sein aus 52 Metern Entfernung erzieltes "Tor des Jahres 2000" gegen den 1. FC Köln brachte ihn der Mannschaft nicht näher. Er hat den Draht zu seinen Mitspielern noch nicht gefunden.

Hoeneß spricht immer wieder von "Pionierarbeit" und "ganz normalen Problemen der Eingewöhnung". Und das, obwohl auch ihm nicht entgangen sein dürfte, dass die Verpflichtung eines Brasilianers nicht zwangsläufig einen Qualitätssprung mit sich bringt. Hoeneß sprach von typisch deutscher Intoleranz: "Wir wollten einen Brasilianer und keinen Deutschen. Wir sollten ihm in Kleinigkeiten Spielräume lassen. Mit teutonischer Disziplin erreichen wir nichts."

Röber verfolgt die Integration des Südamerikaners genau. "Er spricht immer besser Deutsch", sagt Röber, weist aber auch darauf hin, dass der Sprachunterricht erst Früchte trug, seit er unter Aufsicht auf der Geschäftsstelle des Vereins stattfindet. Er ist immer noch der etwas andere Spieler, aber "in Grenzen", sagt Röber und fügt mutig hinzu: "Wäre doch nicht schlecht, wenn wir neben Alex noch einen zweiten Brasilianer hätten." Damit hätten andere Vereine gute Erfahrungen gemacht. Für Marcelinho spräche, dass er bereits in Europa spielte, in Marseille. Dass er dort nach 14 Spielen für untauglich befunden wurde, führt Röber auf "Zwistigkeiten" zurück, die der Brasilianer dort "mit einigen Leuten" gehabt habe.

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