Sport : Hertha BSC: Wie ein Sensibelchen stark wurde

Klaus Rocca

Berlin. Zwickte es denn nun in der Wade oder im Oberschenkel? Am Dienstag fehlte Josip Simunic beim Training, weil "seine Wade verhärtet ist", wie Herthas Trainer Falko Götz verriet. Er werde am Mittwoch wieder mitmachen. Tat er nicht, auch nicht am Donnerstag, auch nicht am Freitag. Gestern, beim Abschlusstraining für das heutige Fußball-Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV (17.30 Uhr, Olympiastadion), war Simunic wieder dabei. "Die Oberschenkelverhärtung habe ich überwunden", verriet er. Nun wissen wir es genau.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Simunic hatte es schon weit schlimmer getroffen. So warf ihn mal ein Mittelfußbruch weit zurück. Vor allem aber haperte es mit der Psyche. So sehr, dass er alles hinwerfen, am liebsten nach Australien auswandern wollte. Dorthin, wo er vor 24 Jahren als Sohn kroatischer Eltern geboren wurde. In seiner Not vertraute er sich Herthas Mentaltrainer Gerd Driehorst an. "Zuerst dachte ich, die werden dich hier alle für verrückt halten. Heute bin ich unheimlich froh, dass ich hingegangen bin. Diese mentale Ansprache sollte eigentlich jeder Spieler in Anspruch nehmen. Mir hat sie jedenfalls enorm geholfen", sagt Simunic. Auch dass er zwischendurch in ein Tief fiel, so, als er im Vorjahr nach dem Spiel gegen Wolfsburg von einem Fachblatt die Note 6 bekam, verkraftete er.

Auch, weil er sich inzwischen seines Wertes bewusst ist. Jürgen Röber lobte immer wieder "das ungeheure Potenzial", sein Nachfolger Falko Götz spricht von "einem Riesentalent, das technisch alles draufhat, schnell und kopfballstark ist." Natürlich wurden diese Bewertungen auch im Wissen darüber abgegeben, dass der sensible Simunic diese Fürsprache wie kein anderer braucht.

Noch immer nimmt er einmal wöchentlich Kontakt zum Mentaltrainer auf. Weil er seine Defizite selbst kennt. Driehorst: "Joe muss eine gewisse Lässigkeit und manchmal auch Konzentrationsschwächen bekämpfen." Dass ihm das gelingen wird, daran hat er keine Zweifel. Simunic sei sehr selbstkritisch und ein vorbildlicher Patient. Nein, Patient nicht, er sei "Klient oder Kunde".

Götz ("Ich versuche, ihm mit meinem Vertrauen Sicherheit zu geben") belässt es nicht beim Loben. Er hat Simunic unmissverständlich gesagt, dass er seinen Platz sicher habe, wenn er fit ist. Das war unter Röber nicht immer so. "Er denkt auf dem Platz zu viel. Besonders nach einem Fehler", bemängelte Herthas Ex-Trainer. Das war vor Monaten. Längst wirkt der Mann mit den zwei Pässen ("Ich bin stolz, in Australien geboren zu sein und kroatisches Blut in mir zu haben") stabil. Was ihm helfen dürfte, sein großes Ziel zu erreichen, mit Kroatien bei der WM zu kicken. Noch hat der 195 Zentimeter große Simunic keinen Stammplatz in der Auswahl Kroatiens, für die er erst drei Länderspiele bestritten hat. Doch er darf sich berechtigte Hoffnungen machen. Hertha ist das Sprungbrett.

Heute nun spielt er gegen seinen ehemaligen Verein, den Hamburger SV. Die Erinnerungen sind unangenehm. Als der HSV 1999 den Vertrag mit Simunic verlängern wollte und sich seiner sicher war, verhandelte Simunic mit Hertha. Frank Pagelsdorf, damals Trainer, war stocksauer, nannte ihn einen "Linkmichel", verbannte ihn vom Trainingsplatz. Hertha machte schließlich für 350 000 Mark das Rennen. Heute versteht Simunic nicht, warum der HSV "ein solches Theater gemacht hat". Kontakte zu irgendwelchen HSVern hat er nicht mehr. Bei der Vorgeschichte nicht verwunderlich.

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