• Hertha BSC wird 125: Mike Lünsmann: „Wir hatten einen Lauf – in die falsche Richtung“

Hertha BSC wird 125 : Mike Lünsmann: „Wir hatten einen Lauf – in die falsche Richtung“

Mike Lünsmann über verpasste Chancen nach der Wende und den direkten Abstieg von Hertha BSC zu Beginn der 90er Jahre.

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Kein Spieler lief für Hertha BSC so oft in der Zweiten Liga auf wie Mike Lünsmann (links).
Kein Spieler lief für Hertha BSC so oft in der Zweiten Liga auf wie Mike Lünsmann (links).Foto: Imago

Hier erzählen ehemalige Profis anlässlich des 125-jährigen Vereinsjubiläums von ihren Erlebnissen bei Hertha BSC. Jeden Tag ist ein Spieler aus einem Jahrzehnt dran. Heute Teil vier: Die 1990er Jahre.

Herr Lünsmann, wissen Sie, dass Sie immer noch Rekordspieler von Hertha BSC sind?

Na klar! 182 Spiele in der Zweiten Bundesliga. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Rekord nicht mehr gebrochen wird! Dafür müsste Hertha absteigen, und das will ich mir nicht vorstellen.

In den 90er Jahren sah das ein bisschen anders aus.

Ja, das war eine andere Zeit, ohne das große Geld und damit auch ohne die ganz großen Erfolge, es gab auch noch nicht das heutige Trainingsgelände am Olympiastadion. Wir haben immer auf dem Maifeld trainiert, zusammen mit unseren Kollegen von Blau-Weiß 90. Wir in der Mitte, Blau-Weiß außen. Beim Auslaufen nach den Spielen sind wir immer eine Runde gelaufen, und wissen Sie, wie lange das gedauert hat? Eine Viertelstunde! So riesig war das Gelände.

Keine schönen Erinnerungen?

Doch schon, sehr viele schöne Erinnerungen! Wir hatten immer eine großartige Stimmung und viele Berliner, Leute wie Marco Zernicke, Daniel Scheinhardt, Sven Kretschmer, Dirk Greiser, Frank Mischke oder Thorsten Gowitzke, später Carsten Ramelow, Niko Kovac und Christian Fiedler. Und für mich war es vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass Hertha damals in der Zweiten Liga spielte. Wer weiß, ob ich sonst so schnell den Sprung zu den Profis geschafft hätte.

Sie sind mit 18 Jahren aus der A-Jugend von Tennis Borussia gekommen.

Jürgen Sundermann hat mich damals angerufen, das hat mich schon sehr gefreut! Die Zweite Bundesliga war für einen jungen Spieler in Berlin eine große Sache. So verwöhnt waren wir ja nicht.

Sie sind in Ihrem ersten Profi-Jahr noch zur Schule gegangen. Hat sich das mit dem Training vertragen?

Das ging schon. Vormittags Schule, nachmittags Training, das ging damals noch. Schwieriger war es mit den Auswärtsspielen. Damals war der Samstag ja noch ein normaler Schultag, und irgendwann fiel es meinem Tutor auf, dass ich jeden zweiten Samstag nicht da war. War blöd, wenn dann in der Zeitung stand, dass ich gerade in Essen gespielt habe oder in Offenbach.

Warum ist es Hertha nach dem Aufstieg 1991 nicht gelungen, sich für ein paar Jahre in der Bundesliga festzusetzen.

Gute Frage. Zum einen war da die personelle Konstellation. Wir haben den Aufstieg durch mannschaftliche Geschlossenheit geschafft. In der Ersten Liga hätten wir uns schon verstärken müssen. Ich weiß nicht, warum der Verein damals niemanden vom BFC Dynamo geholt hat, die haben ja quasi vor unserer Haustür gekickt. Hätte ja nicht gleich Andy Thom oder Thomas Doll sein müssen, da waren ja noch genügend andere. Die hatte Hertha wohl nicht auf den Schirm.

Herthas Jahrhundert-Elf zum 125. Geburtstag
Ohne HANNE SOBEK wäre der Erfolg früher Jahre nicht denkbar gewesen. Sepp Herberger, der Trainer der Weltmeistermannschaft von 1954, bezeichnete ihn als „den größten Fußballer, den Berlin je besessen hat“. Johannes Sobek, den alle nur Hanne nannten, war der Kopf der Mannschaft, die zwischen 1926 und 1931 sechsmal hintereinander im Finale um die deutsche Meisterschaft stand, mehr noch: Diese Mannschaft war ohne ihn überhaupt nicht vorstellbar. Sobek spielte effektvoll und effektiv zugleich. Und er war der erste Fußballspieler, der den Übergang in die feine Gesellschaft geschafft hat. Am Stammtisch saß er gemeinsam mit Hans Albers, Max Schmeling und Joachim Ringelnatz. Er trat in Kinofilmen auf und ging im Sportpalast dem Artisten Enrico Rastelli zur Hand. Seinen größten und zugleich schwersten Tag erlebte er am 15. Juni 1931. Im Endspiel von Köln siegte Hertha 3:2 über 1860 München und gewann damit nach zuvor vier Finalniederlagen in Folge zum zweiten Mal die deutsche Meisterschaft. Sobek schoss zwei Tore und bereitete das dritte vor. Zum Dank spuckte ihm der Münchner Trainer nach dem Spiel vor die Füße, was Sobek schwerer traf als manches Gegentor. Erst bei der Ankunft am nächsten Tag in Berlin besserte sich seine Laune. Tausende warteten am Bahnhof Friedrichstraße und geleiteten die Mannschaft in einem kilometerlangen Zug zum Gesundbrunnen. Hanne Sobek spielte später noch als Mittvierziger für Hertha, er war Trainer und Notvorstand. Aber so groß wie zu seinen aktiven Zeiten ist Hertha BSC seitdem nicht mehr gewesen. Sven GoldmannWeitere Bilder anzeigen
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25.07.2017 09:15Ohne HANNE SOBEK wäre der Erfolg früher Jahre nicht denkbar gewesen. Sepp Herberger, der Trainer der Weltmeistermannschaft von...

Zum anderen...

... hatten wir am Anfang auch ein bisschen Pech. Das erste Saisonspiel gegen St. Pauli ging 1:2 verloren, obwohl wir eigentlich die klar überlegene Mannschaft waren. Dann gab es ein 0:4 in Stuttgart und wir waren schon mal Letzter. Wenn du als Aufsteiger von Anfang an ganz unten stehst, gibt dir das nicht unbedingt Selbstvertrauen. Irgendwann hatten wir einen Lauf – leider in die falsche Richtung.

In dieser Saison hat Hertha gleich vier Trainer verschlissen. Als ersten den Aufstiegshelden Werner Fuchs.

Das hat mir sehr leidgetan, auch wenn so etwas im Fußball zum Geschäft gehört. Herr Fuchs war nicht nur ein guter Trainer, sondern ein menschliches Vorbild. Das Präsidium hatte leider keine Geduld mit ihm.

Dann kam das Missverständnis mit Pal Csernai. Ein ehemaliger Meistertrainer vom FC Bayern im Abstiegskampf, das hat nicht gepasst.

Kann man so sagen. Er hat sich mehr als Weltmann gesehen und nicht so viel mit uns geredet. Ich kann mich noch erinnern, wie er uns zum Einstand gefragt hat, ob wir mit dem Saisonverlauf zufrieden waren. Waren wir natürlich nicht. Er hat genickt und in seinem ganz eigenen Dialekt gesagt: Das war Kacke, meine Herren, das war Kaaaacke!

Csernai wurde nach nur sechs Spielen von Peter Neururer abgelöst.

Der war gut! Mit seiner offenen und positiven Art war er das Gegenstück zu Csernai, man hat ihm von der ersten Minute angemerkt, dass er mit uns die Wende schaffen wollte. Leider stimmten die Ergebnisse nicht. Für die letzten Spiele hat dann Karsten Heine übernommen, er hat die Saison abgewickelt...

... und sich selbst gar nicht Trainer genannt, sondern Reiseleiter.

Also für mich war er schon der Trainer, er hat ja vorher auch als Co-Trainer bei uns gearbeitet.

Diese erste Bundesligasaison war zugleich Ihre letzte. Dabei waren Sie beim Abstieg gerade 21.

Die Saison ist für mich persönlich auch gar nicht schlecht gelaufen, ich habe trotz Verletzungen 28 Spiele gemacht und drei Tore geschossen. Heribert Bruchhagen wollte mich zum Hamburger SV holen. Später habe ich auch mal einen Anruf vom FC Chelsea bekommen.

Vom FC Chelsea?

Ja, aber es war noch nicht das Chelsea von Roman Abramowitsch, sondern eine eher mittelmäßige Mannschaft. Egal, Hertha hat mir keine Freigabe gegeben, weder für Hamburg noch für London. Damit war die Sache erledigt.

Sie haben noch fünf Jahre für Hertha in der Zweiten Liga gespielt und sind ausgerechnet vor der Saison gegangen, als mit dem Einstieg der Ufa die neue Erfolgsgeschichte begann.

Das war schon nach meiner schweren Knöchelverletzung, die mich ein Jahr gekostet hat. Jürgen Röber kam damals neu als Trainer, und er hatte andere Vorstellungen. Das muss man akzeptieren.

Am letzten Spieltag vor der Aufstiegssaison musste Hertha unbedingt einen Punkt gegen Wattenscheid holen, um nicht abzusteigen. Ein gewisser Michael Preetz hatte kurz vor Schluss die Riesenchance zum Wattenscheider Siegtreffer...

Ja, unglaublich, an welchen Kleinigkeiten der Fußball manchmal hängt. Hätte Michael damals getroffen, wäre Hertha abgestiegen, und wer weiß, was die Zukunft gebracht hätte.

Haben Sie noch Kontakt zu Preetz?

Ja, ich arbeite jetzt wieder im Nachwuchsbereich bei Hertha, jetzt gerade engagiere ich mich in der Ferienschule und im Fördertraining. Das Ganze ist über ein Telefonat mit Michael zustande gekommen. Ich hatte signalisiert, dass ich gern im Nachwuchs etwas machen würde, und er hat das sofort auf den Weg gebracht. Mir macht diese Arbeit riesigen Spaß! Schön, dass ich auf diese Weise wieder mit alten Mitspielern wie Michael Hartmann oder Sven Kretschmer in Kontakt bin. Als Berliner ist Hertha einfach mein Verein!

Mike Lünsmann, 47, spielte von 1988 bis 1996 für Hertha BSC. Der Stürmer gehörte zu der Mannschaft, die 1990 in die Bundesliga aufstieg – und nach einem Jahr wieder abstieg.

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