Hertha BSC : Zwischen Intrigen und Gerüchten

Bei Hertha herrscht derzeit Chaos. Die Trennung von Trainer Lucien Favre wirkt weiter nach - und beschäftigt den gesamten Verein.

Ingo Schmidt-Tychsen
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Umgarnt. Trainer Lucien Favre mit seinen Beratern Christoph Graf (l.) und Jose Noguera. Foto: dpadpa-Zentralbild

BerlinBerlin - Lucien Favre braucht Abstand, bevor er wieder bei großen Fußballklubs nach Hospitanzen sucht. Erst einmal fährt der Trainer mit seiner Familie in den Urlaub. Den braucht er sicherlich: In den vergangenen Tagen stand der Schweizer im Mittelpunkt eines absurden Schauspiels. Und noch immer ist nicht ganz klar, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat. Die Hertha-Führung, die Favre Ende September beurlaubt hatte, diskutierte am Mittwochabend jedenfalls lebhaft. Die turnusmäßige Präsidiumssitzung dauerte vier Stunden. Es musste einiges aufgearbeitet werden: Niederlagen, Krise, Trainerbeurlaubung, Trainerfindung. Ein Großteil der Sitzung drehte sich um den Auftritt von Lucien Favre am vergangenen Dienstag. Auf einer von ihm selbst einberufenen Pressekonferenz hatte der Trainer für Verwunderung gesorgt. Hertha BSC habe „die Trennung von Dieter Hoeneß nie verkraftet“. Hoeneß galt bis dahin als großer Gegenspieler Favres.

Außerdem war zu hören, dass die Vereinsführung Favre nach der 1:5-Niederlage in Hoffenheim noch zwei Spiele zur Bewährung hatte geben wollen – die Brandrede seines Kotrainers Harald Gämperle habe dieses Vorhaben allerdings zunichte gemacht. Gämperle hatte in einem Fernsehinterview eine Intrige der Spieler gegen das Trainerteam vermutet. Seitdem hatte er sich nicht wieder öffentlich geäußert, dem „Berliner Kurier“ sagte er nun: „Menschlich bin ich von Lucien Favre enttäuscht.“ Zuletzt habe er mehrfach probiert, Favre zu erreichen – ohne Erfolg. „Mir kam er vor wie ferngesteuert“, sagte Gämperle. In Favres Umfeld erzeugte diese Reaktion nur noch einen seufzenden Lacher. Gämperle habe Favre eben keinen Gefallen getan mit seinem unüberlegten Auftritt.

Dass Favre bei seiner Pressekonferenz fremdgesteuert gewesen sei, dieses Gerücht hält sich derzeit hartnäckig in Berlin. Dieter Hoeneß, 13 Jahre lang Alleinbestimmer bei Hertha, soll Favres Berater unter Druck gesetzt haben. Das Schweizer Unternehmen „4Sports“ berät neben Favre Fußballprofis in ganz Europa. Hoeneß habe gemeinsam mit seinem Bruder Uli vom FC Bayern München, so die These, damit gedroht, dass diese Spieler in Zukunft nur noch schwer vermittelbar seien, wenn Favre sich nicht positiv über den ehemaligen Manager äußern würde. „Das ist totaler Quatsch. Uns setzt niemand unter Druck“, sagte Favres Berater Christoph Graf von „4Sports“ dem Tagesspiegel.

In der Hertha-Spitze ist der Respekt vor Dieter Hoeneß’ Einfluss weiterhin groß. Manch einer glaubt, Hoeneß könne bei anhaltendem Misserfolg tatsächlich zurückkehren. Natürlich hat Hoeneß im Klub noch einige Vertraute. Sein Comeback ist trotzdem unrealistisch, weil in der Führungsspitze eine wohl einheitliche Front gegen den ehemaligen Manager besteht, angeführt von Präsident Werner Gegenbauer.

Eigentlich hat Hertha momentan ohnehin andere Schwierigkeiten: Das Team steht auf dem letzten Tabellenplatz und muss am übernächsten Wochenende zum Konkurrenten Nürnberg reisen. Wahrscheinlich hat Trainer Friedhelm Funkel bis dahin auch schon mit Favre telefoniert. Er habe „einen sehr guten Draht“ zu dem Schweizer und wolle sich demnächst mit ihm austauschen, sagte Funkel gestern. Für Funkel sei die Begegnung mit Nürnberg „ein ganz wichtiges Spiel“. Ein Sieg würde für etwas Ordnung im Durcheinander sorgen, eine Niederlage wäre dagegen verheerend. Funkel glaubt, „dass jetzt alle mitziehen“. Artur Wichniarek machte nach dem Training am Donnerstag einen anderen Eindruck. „Jetzt ist es eh zu spät“, sagte der sichtlich schlecht gelaunte Stürmer auf die Frage nach einer neuen Chance beim neuen Trainer.

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