Sport : Hertha BSC: Zwischen Mumpitz und Meisterschaft

Michael Rosentritt

Kurz nach zwölf fühlte Jürgen Röber Erleichterung. Bis tief in die Nacht zum Sonnabend hinein hatte er gerungen - kräftezehrend, nervenaufreibend. Welche Formation sollte er am folgenden Nachmittag gegen den FC Hansa Rostock auf den Rasen des Olympiastadions schicken? "Kurz nach Mitternacht war es dann so weit", erzählte der Trainer von Hertha BSC später, als seine Mannschaft den Gegner im hektischen Nachspiel bezwungen hatte. "Das sind doch die schönsten Siege", fuhr er fort, "da hoffst du bis zur 90. Minute, dass deiner Mannschaft irgendwie noch ein Tor gelingt, und dann fällt es tatsächlich, ha." Hier muss nicht ausführlicher beschrieben werden, welche Regungen Pal Dardais später Siegtreffer bei ihm an der Seitenlinie auslöste. Hertha BSC hatte innerhalb von vier Tagen sechs Punkte geholt und liegt wieder aussichtsreich im Rennen um die Meisterschaft.

Womit wir beim eigentlichen Gegner Herthas wären. Denn dieses Wort reizt den Trainer, es treibt ihn um. "Mensch", sagt Röber, "jetzt gleich wieder von der Meisterschaft zu reden, das ist doch Mumpitz." Diese Bezeichnung übrigens wählte der ergeizige Mann noch nie in diesem Zusammenhang. "Na ehrlich", sagt er, "es gibt doch andere Mannschaften da oben, die darüber reden sollten, bei ihrem Potenzial." Auch Kapitän Michael Preetz, mit 13 Treffern Herthas erfolgreichster Torschütze der Saison, sagte: "Leute, der Titel kann nicht unser Ziel sein, wenn man sieht, wie viel wir in den vergangenen Tagen investieren mussten, um unseren Platz zu halten."

Den eigentlichen Treffer zu landen aber, nach diesen beiden verbalen Vorlagen von Röber und Preetz, blieb einem anderen, in Berlin nicht ganz unbekannten, Herrn vorbehalten. Der frühere Nationalspieler Mario Basler, früher mal bei Hertha und mittlerweile bei Kaiserslautern, vertraute sich der "BZ" an und sagte: "Wenn ich sehe, dass sogar Hertha als Titelanwärter gehandelt wird, dann fasse ich mir doch an den Kopf. Die ticken doch alle nicht ganz richtig. Hertha spielt doch grausamen Fußball."

Nun gehen die Meinungen über Basler mitunter recht weit auseinander, aber so ganz daneben liegt er mit seiner Meinung nicht. Herthas personeller Rumpf konnte in den letzten Wochen nicht überspielen, dass die Berliner erhebliche Defizite haben. Seit Wochen verrichtet Herthas kreative Abteilung Dienst in der medizinischen. Als da wären die Nationalspieler Marko Rehmer, Sebastian Deisler, Stefan Beinlich. Und gegen Rostock war auch noch Dariusz Wosz wegen einer fünften Gelben Karte gesperrt. Zwischenzeitlich hatte Röber den 35-jährigen Andreas Thom reanimiert, der gegen Unterhaching eine Halbzeit spielte und gegen Rostock wieder im Kader war. Und dann saß da noch der 19-jährige Amateur Thorben Marx auf der Bank.

Gegen die Spielvereinigung Unterhaching und gegen Rostock war das Schöne am Spiel auf der Strecke geblieben. "Mittwoch mussten wir schon alle Kräfte mobilisieren, um das Spiel noch 2:1 zu gewinnen. Momentan geht es nicht anders - wir arbeiten Fußball", sagt Röber. "Wir sind alle froh, dass wir bei allen Problemen, die wir haben, die Punkte geholt haben."

In einer Woche, so rechnet Röber innerlich, werden Deisler und Beinlich ins Mannschaftstraining einsteigen können. "Vielleicht", sagt der Trainer, "bloß wir müssen denen dann auch Zeit geben. Denken Sie doch mal an Beinlich, der hat ja zwei Monate nicht mehr gespielt. Der braucht Praxis."

Sonnabend hat Hertha bei Energie Cottbus anzutreten, und "da wird noch einmal gearbeitet werden müssen", kündigt Manager Dieter Hoeneß an, aber "dann ist eine Phase beendet, es kehren einige Spieler zurück und mit ihnen die Qualität. Dann widmen wir uns wieder dem Fußballerischem." Nach dem Spiel in der Lausitz folgt das Heimspiel gegen 1860 München. "Cottbus wird schon schwer", sagt Röber, "für die geht es doch jetzt schon um alles. Und gegen 1860 ist es immer schwer zu spielen." Er bezeichnet diese Spiele als richtungsweisend.

In der Hinrunde hatte Hertha nach dem Spiel gegen Rostock 15 Punkte auf dem Konto und belegte den vierten Platz in der Tabelle. Die Rückrundenbilanz der Berliner, übrigens die beste nach Bremen (16 Punkte) aller Bundesligisten, liest sich gut. Hertha konnte die Hinrundenbilanz egalisieren, und wohin die führte, ist bekannt. Hertha gewann im vergangenen Herbst die Spiele gegen Cottbus und 1860 und war danach erstmals Tabellenführer. Das blieben sie zwei weitere Spieltage lang und dann noch einmal für das erste Wochenende im Dezember. Was dann folgte, umschrieb Röber kurz nach Silvester so: "Der verdammte Dezember hat alles kaputtgemacht." Hertha schied im Uefa-Cup gegen Inter Mailand aus und fiel in der Tabelle bis auf Platz sechs.

"Die Gegner aus dem letzten Drittel der Saison sind von einer anderen Qualität", sagt Röber. Aus den Spielen gegen die damals in der Tabelle vor ihnen liegenden Mannschaften wie Bayern München (1:4, 1:3), Dortmund (0:2), Leverkusen (0:4), Schalke (0:4) und Kaiserslautern (2:4) holten die Berliner nicht einen einzigen Punkt. "Wir wollen nach wie vor um die Champions-League-Plätze mitspielen", sagt Röber. "Wenn ich an unser Restprogramm denke, müssen wir ganz froh sein, dass und wie wir die letzten beiden Spiele gewonnen haben."

Fünf der sieben Begegnungen nach der Winterpause hat Hertha BSC trotz großer personeller und spielerischer Probleme gewinnen können. "Wir haben schon öfters bewiesen, dass wir Krisen bewältigen können. Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft Charakter zeigt", sagt Hoeneß. Er und Röber wissen, dass die Forderungen in Berlin überdimensional sind. Mal eine Niederlage zur Erleichterung wäre da nicht das Schlechteste. Und die wird kommen. Vielleicht auch erst kurz vor zwölf.

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