Sport : Hertha-Debakel in Hannover

Die Berliner spielen desolat und verlieren 0:5 – so hoch wie seit dem Wiederaufstieg nicht mehr

Stefan Hermanns[Hannover]

Die Ruhe vor dem Tor zählt zu den herausragenden Qualitäten von Christian Gimenez. Eine Viertelstunde war gestern gespielt, als der Stürmer von Hertha BSC sich in aussichtsreicher Position befand – und kläglich versagte. Gimenez trat fünf Meter vor dem Tor über den Ball, dummerweise war es das eigene. Bergantin Vinicius nutzte den Fehltritt und stocherte den Ball zum 1:0 für Hannover 96 über die Linie. Gimenez’ Fehler war der Beginn eines schauerlichen Abends, an dessen Ende eine 0:5 (0:3)-Niederlage für die Berliner stand. Hannover hingegen feierte den zweiten Bundesliga-Heimsieg dieser Saison und den ersten gegen Hertha seit März 1974. „Wir hätten noch lange weiterspielen können ohne ein Tor zu schießen. Wahrscheinlich hätten wir stattdessen noch drei gekriegt“, sagte Herthas Kapitän Arne Friedrich.

Schon zur Halbzeit gab es keinen Zweifel mehr am Erfolg der 96er – nicht nur, weil die Mannschaft 3:0 führte, sondern auch weil sie sich als deutlich überlegen erwies. 96 spielte klarer, zielstrebiger und auch entschlossener. Hertha verlor im Mittelfeld viel zu viele Zweikämpfe, blieb dadurch in der Offensive harmlos und geriet in der Defensive immer wieder in Gefahr. Eine halbe Stunde dauerte es, ehe die Berliner ihre erste und bis zur 55. Minuten einzige Chance hatten. Stürmer Marko Pantelic köpfte einen Flankenball recht deutlich am Tor von Robert Enke vorbei. Zehn Minuten nach der Pause scheiterte er mit einem Flachschuss an Hannovers Torhüter.

Herthas Trainer Falko Götz musste in seinem 100. Bundesligaspiel als Trainer eine improvisierte Abwehrformation aufs Feld schicken, doch daran allein lag es nicht. „Wir haben in der Vorbereitung auch häufig mit unterschiedlichen Formationen in der Abwehr gespielt, das darf keine Entschuldigung sein“, sagte Friedrich. Vor Kevin Stuhr Ellegard, der erneut den verletzten Stammtorhüter Christian Fiedler ersetzte, verteidigten zwei Spieler, die normalerweise in Herthas Regionalligateam zum Einsatz kommen: der 18 Jahre alte Bundesligadebütant Jerome Boateng und Andreas Schmidt. Der 33-Jährige stand als Einziger auch schon bei Herthas letzter Niederlage in Hannover auf dem Feld, 1995 in der zweiten Liga.

Schmidt spielte mit Friedrich in der Innenverteidigung, Boateng begann rechts in der Viererkette, trat zunächst sehr souverän auf, sah allerdings vor dem 0:2 nicht gut aus, als er nach einer Ecke von Huszti unter dem Ball hindurch sprang und sein Gegenspieler Vinicius im Anschluss per Kopf seinen zweiten Treffer erzielte. Auch dem dritten Tor für Hannover ging eine Ecke voraus: Der Ball schien schon abgewehrt, doch dann ließ Pantelic Huszti an der Seitenlinie einfach laufen, dessen Flanke köpfte Frank Fahrenhorst zum 3:0 ins Tor.

Nach der Pause spielte Hertha kurz energischer, am Ende aber mussten sie froh sein, dass die Niederlage nicht noch höher ausfiel. Jan Rosenthal raubte den Berlinern mit seinem Tor zum 4:0 den letzten Mut. Altin Lalas Treffer zum 5:0 nach einem feinen Doppelpass war der ästhetisch anspruchvollste. Bei Hertha ging gar nichts mehr, kein einziger Spieler zeigte auch nur annähernd Normalform – vom eingewechselten Andreas Neuendorf vielleicht einmal abgesehen. Bei Hannover hingegen funktionierte am Ende fast alles. Michael Tarnat versuchte es mal eben aus gut 30 Metern – und hätte beinahe getroffen. Doch auch so war es für Hertha die höchste Niederlage seit dem Aufstieg vor knapp zehn Jahren.

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