Sport : Hertha emanzipiert sich

Der Berliner Bundesligaklub ist nicht mehr so wie früher auf Spielmacher Marcelinho angewiesen

Friedhard Teuffel[Mainz]

Marcelinho ist so ein guter Fußballer, dass ihn nur drei Spieler auf einmal ersetzen können. Bei Hertha BSC haben jedenfalls am Samstag Yildiray Bastürk, Gilberto und Andreas Neuendorf die Arbeit von Marcelinho unter sich aufgeteilt, weil der Brasilianer wegen seiner fünften Gelben Karte nicht gegen den 1. FSV Mainz 05 mitspielen durfte.

Hertha BSC ist mittlerweile so eine gute Fußballmannschaft, dass sie auch ohne Marcelinho souverän gewinnen kann. Das 3:0 gegen die Mainzer war deshalb auch eine kleine Emanzipation der Berliner von ihrem Spielmacher. „Marcelinho BSC, das ist die Vergangenheit“, stellte Herthas Manager Dieter Hoeneß nach dem Erfolg wieder einmal fest.

In der Vergangenheit hatten sich einige Spieler gerne auf Marcelinho verlassen. Darauf etwa, dass er doch noch einen genialen Spielzug einleitet, sich selbst bis zum Tor durchdribbelt und trifft oder einen Freistoß noch im Tor unterbringt. Jetzt ist die Verantwortung im Spielaufbau besser verteilt bei Hertha BSC. Es war in Mainz nicht so, dass Neuendorf, Gilberto und Bastürk jeder für sich ein Riesenspiel gemacht haben. Aber es war ein gutes Zusammenwirken. Vor allem haben die drei offensiven Mittelfeldspieler alle drei Tore vorbereitet und selbst erzielt, Gilberto leistete die Vorarbeit beim 1:0 und 3:0, als jeweils Yildiray Bastürk traf, und Bastürk wiederum bereitete das 2:0 vor, das Neuendorf erzielte.

Ohne Marcelinho zu spielen, kann auch sein Gutes haben. Denn der Spielmacher legt die Raumordnung oft so großzügig aus, dass er von der linken Außenbahn manchmal direkt auf die rechte wechselt und seinen Mitspielern so den Weg abschneidet. In den vergangenen Monaten hat Marcelinhos taktische Disziplin immerhin etwas zugenommen. Das liegt auch daran, dass an seiner Seite zwei neue selbstbewusste Spieler stehen, die sich nicht alles gefallen lassen: Gilberto und Yildiray Bastürk. Hoeneß sagt dazu: „Wir haben schon während der Saison gesagt, dass das spielerische Potenzial durch Gilberto und Bastürk enorm gestiegen ist, dass wir nicht mehr allein auf Marcelinho angewiesen sind.“

Auch Neuendorf ordnet die Bedeutung des Brasilianers für die Mannschaft differenziert ein: „Marcelo ist nun mal unser Kopf. So einen kann keine Mannschaft ersetzen. Aber er bekommt auch viel Unterstützung aus der Mannschaft.“ Um Marcelinho herum wird viel Zuarbeit geleistet. Nach der erfolgreichen Begegnung in Mainz erwartet Neuendorf nun, dass auch er wieder spielt. „Es wäre ja auch komisch, wenn ich mich freiwillig auf die Bank setzen würde.“ Andreas Neuendorf bringt es in dieser Saison auf dreizehn Einsätze, Marcelinho hatte bis zum Samstag alle Bundesligaspiele seiner Mannschaft mitgemacht. Aber wer soll für Neuendorf aussetzen?

Dass es in Mainz so gut gelaufen ist, müssen die Berliner jetzt nur noch Marcelinho mitteilen. Er befindet sich zurzeit in Brasilien, um „ein paar wirtschaftliche Angelegenheiten“ zu regeln, wie es bei Hertha heißt. Am Wochenende rief er kurzfristig bei der Klubführung an, um sie von seinen Reiseplänen und seinem wichtigen Termin in seiner Heimat zu informieren. Etwas dagegen einwenden konnte der Klub wohl nicht mehr.

Marcelinhos Reise ist sicher eine größere Strapaze als das Spiel seiner Mannschaft am Samstag in Mainz. Schon am Dienstag will der Brasilianer wieder zurück in Berlin sein, zurück bei einer Mannschaft, die in seiner Abwesenheit ein kleines Stück gereift ist.

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