Hertha : Entscheidend ist nach dem Sturz

Hertha BSC will nach der zweiten Niederlage in Folge den Traum am Leben erhalten – es ist nicht der Traum vom Uefa-Cup.

Ingo Schmidt-Tychsen

BerlinLucien Favre hob die Stimme und begann zu gestikulieren. Auf dem Boden bleiben müssten sie jetzt. „Alle!“ Der Trainer von Hertha BSC wurde am Tag nach der Niederlage gegen Dortmund grundsätzlich – und lauter als sonst. Favre rief noch einmal die Niederlage vom vergangenen September gegen Cottbus in Erinnerung, als Hertha zu Hause 0:1 verloren hatte und „alles kaputt war“. Inzwischen sei Herthas Kader ein bisschen besser, „ein bisschen!“ Favre zeigte mit Daumen und Zeigefinger, wie viel wenig besser sein Team geworden sei. Die Niederlage vom Samstag gegen Dortmund könne halt passieren, auch das 0:2 in Stuttgart zwei Wochen zuvor sei keine Blamage. Jetzt aber müsse in Ruhe weiter gearbeitet werden. Favre appellierte mit Nachdruck an die Vernunft seiner Profis, damit die Mannschaft nach dem Sturz von der Tabellenspitze nicht in eine Krise gerate.

Ein Kater war den Spielern nach den fünf rauschenden Wochen auf Platz eins allerdings anzumerken. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff am Samstag schlichen die Profis mit hängenden Köpfen in die Kabine. Kein Dank an die Fans, keine Interviews. „Das wird uns nicht noch einmal passieren“, sagte Kapitän Arne Friedrich am Sonntag. Man hätte in die Fankurve gehen sollen, es war schließlich ausverkauft. „Und unsere Fans waren toll.“

Die Erwartungshaltung innerhalb der Mannschaft und um sie herum ist eine andere geworden. Ein vierter Platz am Ende der Saison wäre in den Augen vieler kein Erfolg mehr. Ganz abgesehen von dem schönen Geld, dass in der Champions League zu verdienen wäre und das doch so dringend benötigt wird, nicht nur für die Weiterverpflichtung Andrej Woronins. Eben dieser Druck könnte für Hertha zu einem Problem werden – und war es gegen Dortmund bereits. Anders herum sehen sich die Berliner auf dem dritten Platz nicht etwa in der Rolle des Verteidigers, der um seine Position kämpfen muss, sondern in der des Angreifers auf die Spitze. Das wiederum ist psychologisch vielleicht ein Vorteil. Offiziell ist das Saisonziel noch immer der Kampf um den Uefa-Cup, der Sprech aber ist längst ein anderer. „Vor zwei Wochen hatten wir noch die besten Karten, jetzt hat sie Wolfsburg. Aber auch die werden sicherlich noch einmal verlieren“, sagte Kapitän Friedrich. Und Manager Dieter Hoeneß bemerkte, „dass es schön war, vorn zu sein. Aber in der Rolle des Jägers haben wir uns auch wohl gefühlt.“

Herthas Kader ist dünn. Kaum eine Position ist mit zwei gleichwertig starken Spielern besetzt. Wenn, so wie gegen Dortmund, Arne Friedrich nach zwei Wochen ohne Training noch nicht in Bestform ist, kann er dennoch nicht ausgetauscht werden. Es gibt halt keinen auch nur nahezu gleichwertigen Ersatz. Der Kader eines Deutschen Meisters hält normalerweise mehr bereit. Deshalb müsste es schon so optimal wie zu Beginn der Rückrunde laufen, als die Berliner beinahe jede Tormöglichkeit nutzten und auch vom Verletzungspech weitgehend verschont blieben, um die Sensation zu schaffen. In diesen erfolgreichen Wochen hat die Mannschaft von ihrer eigenen Begeisterung gelebt, die Euphorie im Umfeld entwickelte sich etwas später.

Nun wäre Hertha gut beraten, diese Begeisterung nach zwei Niederlagen nicht aufzugeben. Die Mannschaft steht in der Meisterschaft noch immer auf dem dritten Rang, zur Spitze fehlen zwei Punkte. „Wir müssen positiv bleiben, dann können wir den Traum am Leben erhalten“, sagte Verteidiger Josip Simunic.

Dieter Hoeneß blickte schon unmittelbar nach dem Spiel wieder nach vorn. Die Niederlage gegen Dortmund sei keine Enttäuschung gewesen, es komme nur auf den Umgang damit an. Denn: „Wir haben in dieser Saison nicht mehr viele Gelegenheiten, um aus unseren Fehlern zu lernen.“ In der nächsten Woche tritt Hertha bei Hannover 96 an, es ist eines von den fünf noch verbleibenden Auswärtsspielen. „Wir dürfen uns gar nicht erst damit beschäftigen, was passiert, wenn wir verlieren“, sagte Arne Friedrich – und muss schmunzeln, vielleicht, weil er sich mit diesem Satz eben doch damit beschäftigt. In psychologischer Hinsicht ist nun der Trainingsauftakt des Teams am kommenden Dienstag wichtig, fand Friedrich, „da müssen wir die Brust wieder rausstrecken. Ich werde das Vorbild sein.“

Der 23 Jahre alte Brasilianer Rodnei gab schon am Sonntagvormittag ein gutes Vorbild ab. Er schlenderte aus der Kabine, die silberne Zahnspange glänzte zwischen seinen Zähnen, weil Rodnei breit lächelte. „Es war sehr viel Pech dabei“, sagte er und dachte wohl auch an seinen Kopfball kurz vor der Halbzeit an die Querlatte. Rodnei sprach es, stieg in sein Auto und brauste davon. Es muss ja weitergehen.

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