Sport : Hertha erlebt Marcelinho

Erst der Druck, dann die Leistung: Wieder einmal hat der Brasilianer seine Fans und Mitspieler versöhnt

Michael Rosentritt

Berlin - Als Marcelinho gestern das Trainingsgelände von Hertha BSC verließ, machte er ein Gesicht wie das Wetter. Ein kurzes Lächeln umspülte sein knappes „Hallo“ in die Runde versammelter Journalisten, dann verzog er die Mundwinkel und seine Augenlider mit den langen Wimpern dran klappten viel langsamer hoch und runter als sonst. Marcelinho war betrübt. Am Tag zuvor hatten seine Mitspieler und die Berliner Fans noch die Rückkehr der Genialität seiner Füße bejubelt. Marcelinho hatte mit zwei herrlichen Toren das 3:1 gegen Mainz eingeleitet, doch was war ihm anschließend über die Lippen gekommen? Ein Wechsel zum FC Bayern würde ihn reizen. Wenn ein gutes Angebot käme, könne man sich unterhalten, hatte er erzählt und Kopfschütteln ausgelöst.

Marcelinhos persönlicher Deutschland-Berater war bedient. Während Wolfgang Nothdurft vor dem Kabineneingang auf seinen Klienten wartete, versuchte er das Gesagte vom Vorabend zu relativieren. Er könne ja verstehen, dass die Bayern-Koketterie für Medien eine hübsche Geschichte sei, aber Marcelinho habe doch nur auf eine Frage geantwortet. „Er ist mit dem Herzen Herthaner“, sagte Nothdurft. „Vielleicht sollte ich mal streuen, dass Marcelinho ab sofort Italienisch lernt.“

Wenn es so einfach wäre. Marcelinho ist, denkt und lebt, wie er Fußball spielt – unberechenbar. Was auf dem Rasen als Kunst gedeutet wird, kann außerhalb der weißen Linien zur Last werden.

Der 30-jährige Brasilianer ist schwer in die Saison gekommen. Er fand lange keinen Rhythmus, weil es in seinem privaten Umfeld wieder einmal heikle Angelegenheiten zu regeln galt. In der Mannschaft rumorte es, weil Marcelinho nicht die Leistung brachte und auch noch die Mitspieler in der Öffentlichkeit kritisierte. Marcelinho stand an einer Kreuzung. Wie so oft. Eine 70-minütige Aussprache mit der Mannschaft wies ihm den Weg. Marcelinho fand den richtigen Abzweig und feierte gegen Mainz die Rückkehr „des alten Marcelinhos“, wie er sagte.

Seine Leistung war eine perfekte Vorlage. „Marcelinho braucht solche Erlebnisse“, sagte Dieter Hoeneß, „und die Mannschaft braucht sie, um zu sehen, wie wichtig Marcelinho für sie ist.“ Das sagte der Manager der Berliner auch aus einem gewissen Eigennutz.

Gut vier Jahre spielt Marcelinho für Hertha, aber kein anderer Spieler hat den Berliner Verein gleichermaßen verzückt und auf die Probe gestellt. Seit Jahren verwendet Hoeneß einen stattlichen Teil seiner Zeit dafür, das Verhältnis zwischen der Mannschaft und seinem Star immer wieder neu auszubalancieren. Es ist ein sensibles Gebilde.

Marcelinho ist kein Ergebnisfußballer, er ist ein Erlebnisfußballer. „In seinem linken Fuß steckt Magie“, hat der frühere Hertha-Trainer Jürgen Röber einmal über Marcelinho gesagt. In seinem Kopf steckt viel Naivität. Das hat so noch niemand gesagt, aber alle wissen es. Solange Marcelinhos Mitspieler spüren, dass er ihnen nützt, ertragen und dulden sie seine Eskapaden und seinen Sonderstatus. Andernfalls wächst der Unmut und tritt, wie Anfang vergangener Woche, offen zutage. „Es war ein reinigendes Gewitter, das Leistung produziert hat“, sagte Trainer Falko Götz nach dem Mainz-Spiel. Wieder einmal hat es Marcelinho verstanden, seine Mitspieler und die Fans mit seiner Leistung und seinen Toren zu versöhnen. „Er ist eben ein Spieler, auf dessen Fähigkeiten wir angewiesen sind“, sagte der einflussreiche Abwehrspieler Dick van Burik. Und wieder war Marcelinho danach zu Tränen gerührt und versprach Besserung. „Er lebt von seinen Emotionen“, sagt Götz, „jetzt hoffe ich, dass er eine gute Serie bekommt. So, wie es bisher immer war.“

Auch Dieter Hoeneß streicht lieber diese Qualität des Brasilianers heraus: „Wenn er unter Druck steht, versinkt er nicht, sondern bringt Leistung.“ Andere Fußballer würden solche Geschichten lähmen, nicht aber Marcelinho. Das aber lässt im Umkehrschluss die Vermutung zu, dass Marcelinho diesen Druck regelmäßig braucht. Sein Berater hebt die Schultern. „Wenn Marcelinho durchschnittlich spielt, reiben sich alle an ihm. Er hat ja selber den Anspruch, einer der besten Bundesligaspieler zu sein.“ Wenn es mal nicht so läuft, werde er ungnädig, mit sich und mit anderen. „Jeder Druck erzeugt einen Gegendruck“, sagt Nothdurft vielsagend.

Bei Hertha hat man gelernt, mit Marcelinho zu leben. Braucht Marcelinho permanent Druck? „Hm“, sagt sein Trainer, „ich werde solche Dinge nicht herbeisingen.“ Der Flirt mit dem FC Bayern hat für Götz keine „inhaltliche“ Bedeutung: „Er steht bei uns bis 2007 unter Vertrag und betont doch in jedem Satz seine Liebe zu Hertha.“

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