Hertha-Frankfurt : Wenn man denkt, es geht nicht schlimmer

Hertha BSC unterbietet sich selbst. In einem desaströsen Spiel verlieren die Berliner gegen Eintracht Frankfurt mit 1:3. Die Mannschaft erregt nur noch Mitleid.

Stefan Hermanns
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Herthas Maximilian Nicu im Duell mit dem Frankfurter Chris. -Foto: dpa

BerlinIn den modernen Fußball-Arenen werden die Zuschauer im Laufe eines Spiels via Anzeigetafel mit allerhand statistischem Material versorgt: Wer wie oft mit welcher Geschwindigkeit aufs Tor geschossen hat zum Beispiel. Am Samstag im Olympiastadion hätte man sich zur Pause noch zusätzlich die Information gewünscht, mit welcher Lautstärke die Fans die Mannschaft in die Kabine verabschiedeten. Die Pfiffe erreichten einen rekordverdächtigen Dezibelwert. 0:1 lag der Berliner Bundesligist zu diesem Zeitpunkt gegen Eintracht Frankfurt zurück. Als Herthas Spieler eine Stunde später mit einer 1:3-Heimniederlage vom Feld flüchteten, war es hingegen erschreckend still. Die meisten der offiziell 48 253 Zuschauer wollten einfach nur noch weg, wenn sie es überhaupt so lange ausgehalten hatten.

Hertha bleibt abgeschlagen Tabellenletzter und wartet nun schon 13 Spieltage auf den zweiten Saisonsieg. „Ein gefühlter Abstieg ist es mit Sicherheit nicht“, sagte Trainer Friedhelm Funkel. „Aber jetzt wird es noch schwerer, den Anschluss zu finden.“ Herthas Bilanz lässt sich kaum noch in Worte fassen, aber immer dann, wenn man denkt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, schafft die Mannschaft es, sich noch zu unterbieten – so wie gestern vor der Pause: schlampige Pässe, schülerhafte Stellungsfehler, einfachste Ballverluste, Fehler hinten, Fehler in der Mitte und Fehler vorne. „Was soll ich sagen?“, sagte Torhüter Jaroslav Drobny. „Wir waren so schlecht – aber das hat ja jeder gesehen.“ Wenn der Verfall nicht so traurig wäre, müsste man fast schon wieder lachen. Hertha hat den schlimmsten denkbaren Zustand erreicht: Die Mannschaft erregt nur noch Mitleid.

Funkel hatte sein Team für das Duell mit seinem Ex-Klub auf zwei Positionen verändert. Gojko Kacar und Raffael rückten in die Startelf. Der Serbe bildete mit Waleri Domowtschiski Herthas Sturm – die beiden Spieler also, die Funkel vor einer Woche noch am heftigsten kritisiert hatte. Die Chance zur Rehabilitierung ließen sie ungenutzt. Domowtschiski musste schon nach der ersten Halbzeit für Adrian Ramos vom Feld. Dabei hatte der Bulgare nach einer knappen halben Stunde den ersten Ball aufs Tor der Eintracht gebracht und später die beste Chance der Berliner durch Maximilian Nicu vorbereitet. Beide Male parierte Frankfurts Torhüter Oka Nikolov.

Zu diesem Zeitpunkt führten die Gäste, die von ihren letzten fünf Pflichtspielen vier verloren hatten, bereits 1:0. Nikos Liberopoulos überwand mit einem schlichten langen Pass Herthas komplette Defensive. Der wieder erschreckend schwache Nemanja Pejcinovic ließ Patrick Ochs laufen, und der überwand Drobny mit einem Schuss durch die Beine. Die Frankfurter gingen anschließend fast ein bisschen zu ehrfürchtig mit dem Tabellenletzten um. Sie kombinierten teilweise sehr nett und hätten mit etwas mehr Entschlossenheit bereits zur Pause einen beruhigenden Vorsprung herausarbeiten können.

Mit Ramos, der zehn Minuten vor Schluss den Ehrentreffer erzielte, kam in der zweiten Hälfte mehr Zug in Herthas Offensive, doch auch nach der Pause war die Mannschaft überfordert, ihrem Spiel eine klare Struktur zu verpassen. Ein Weitschuss von Pejcinovic war die einzige gefährliche Aktion der Berliner, die im Zweifel immer die falsche Entscheidung trafen: Wenn sie hätten schießen müssen, spielten sie ab, wenn sie hätten abspielen müssen, dribbelten sie … Mehr als eine Stunde dauerte es bis zur ersten Ecke für Hertha.

Die Defensive stand der Offensive in Sachen Unbedarftheit in nichts nach. Das zeigte sich bei den beiden Toren der Frankfurter in der zweiten Hälfte. Zuerst ließen Nicu und von Bergen Maik Franz vor dem 2:0 unbehelligt, dann stand Alexander Meier nach einer zunächst abgewehrten Ecke völlig frei vor Drobny und hatte keine Mühe mit dem 3:0. Zudem handelte sich Kapitän Arne Friedrich in der Nachspielzeit für ein Foul tief in der Frankfurter Hälfte die fünfte Gelbe Karte ein. Er fehlt in einer Woche beim FC Schalke.

„Siehst du, Friedhelm, so wird es gemacht“, sangen die Fans der Eintracht. Ihr früherer Trainer Funkel wartet bei Hertha immer noch auf den ersten Bundesligasieg. In sieben Spielen hat er zwei Punkte geholt, einen weniger als sein Vorgänger Lucien Favre. „Friedhelm Funkel hat die Mannschaft richtig eingestellt“, sagte Manager Michael Preetz. „Die Umsetzung auf dem Platz hat heute gefehlt.“

Nie wäre ein Erfolg wichtiger gewesen. Es war das letzte von drei Spielen, die Hertha dazu auserkoren hatte, sich ein wenig Zuversicht im Abstiegskampf zu verschaffen. Doch aus den Begegnungen gegen Köln, Stuttgart und Frankfurt ist nur ein einziger Punkt herausgesprungen. Gegen wen will Hertha eigentlich gewinnen, um den Abstieg noch zu verhindern? „Die Situation ist in der Tat sehr ernst“, sagte Präsident Werner Gegenbauer, der sich am Montag bei der Mitgliederversammlung wohl einigen kritischen Fragen stellen muss. „Hoffnung gibt es immer. Wir sind noch lange nicht da, dass man nicht mehr rechnen kann.“ Rechnen dürfen die Berliner, sie sollten nur nicht erwarten, dass dabei ein gutes Ergebnis herauskommt.

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