Sport : Hertha gegen Bayer: Zu wenig Drecksäcke

Christian Oeynhausen

Dass der Kreditrahmen nicht sonderlich groß sein würde, war schon beim Amtsantritt von Berti Vogts klar. Es ist ja noch nicht lange her, dass Fans mit Transparenten vor der Klubzentrale von Bayer Leverkusen gegen die Inthronisierung des Ex-Bundestrainers gewettert haben. Vier Wochen später, nach drei Niederlagen und dem Ausscheiden aus zwei Wettbewerben, hat sich der Ton deutlich verschärft. Einen "Imageschaden", so Wolfgang Holzhäuser, der Geschäftsführer, hat die Mannschaft mit der seelenlosen Vorstellung beim 0:2 in Athen angerichtet. Forsch ging auch der Kölner "Express" zur Sache und zählte den Trainer regelrecht an: "Der Lack ist ab." Vogts rede die Mannschaft schlecht, aus dem Spielerkreis gebe es Beschwerden über seine Arbeit. Was unter Rudi Völler auf schier wundersame Art wie von selbst lief, funktioniert plötzlich nicht mehr. Es liegt nahe, diese Entwicklung als Handschrift des Trainers zu werten.

Berti Vogts tut derweil so, als habe er von der miesen Stimmung nichts bemerkt, doch Vogts ist kein guter Schauspieler. Jetzt wirkt nicht einmal die Rolle des "Terriers" echt, die er als Spieler perfekt verkörpert hat. "Diese Situation ist eine tolle Herausforderung für mich. Wir müssen auf den richtigen Weg zurückfinden, meine Aufgabe ist es, die Spieler dahin zu bringen, und darauf freue ich mich", sagt er. "Es macht mir unheimlich Spaß, jetzt hier zu arbeiten." Das soll kämpferisch wirken, aber es wirkt ein bisschen wie auswendig gelernt.

Den meisten außer ihm macht es derzeit keinen Spaß bei Bayer 04. Verteidiger Robert Kovac sagt: "Jeder hat so viele Probleme, dass er die anderen nicht aufrichten kann." In fast täglicher Folge hat sein Trainer Probleme benannt. Geradezu dankbar hat Vogts das Wort von Kapitän Jens Nowotny aufgenommen, der "zu wenige Drecksäcke" unter den Kollegen sieht. Sie waren zuvor dreckig genug, um 13 Mal hintereinander ungeschlagen zu bleiben. Dann klagte Vogts über die körperliche Belastung durch den engen Spielplan, aus dem sich die Mannschaft immerhin nun selbst befreit hat. Es folgten: die fehlenden personellen Alternativen, der angebliche Gleichmut der Stars gegenüber Niederlagen, schließlich die Verlierermentalität des ganzen Gebildes Bayer 04. Man erinnere sich: Maribor, Unterhaching, jetzt Athen. Ob das die Probleme waren, die Kovac meinte?

Dass Leverkusen die Transfer-Einnahmen für Emerson und Stefan Beinlich nicht prompt reinvestierte und Qualität abgab, dafür kann Vogts nichts. Eilig ist Manager Calmund nun nach Südamerika gereist, Verteidiger einzukaufen. Der Argentinier Diego Placente und der Brasilianer Lucio da Silva gelten als Wunschkandidaten, für die Bayer 04 rund 32 Millionen Mark auszugeben bereit wäre.

Bis sie eintreffen, gilt die Devise: Zeit gewinnen, sich in die Winterpause retten. Bis dahin muss Vogts wohl nicht um seinen ersten Bundesligajob bangen, auch nicht im Fall einer Niederlage im heutigen Spitzenspiel gegen Hertha BSC. Solch hektischer Aktionsmus widerspräche dem Stil des Sponsors und wäre nichts anderes als das Eingeständnis eines Fehlers. Eine öffentliche Diskussion darüber, wer die Verantwortung zu übernehmen hat, dass Vogts die Stelle überhaupt bekam, könnten die Leverkusener erst recht nicht brauchen - weder Calmund noch die Bayer AG. Die Geschichte von der Männerfreundschaft Vogts/Calmund und der zu hohen Ablöseforderung aus Saarbrücken, die den Ausschlag zugunsten des Mannes aus Kleinenbroich und gegen Klaus Toppmöller gaben, ist nur ein Aspekt. Es scheint, dass der Sponsor nach dem Daum-Skandal einen Mann mit minimaler persönlicher Anfechtbarkeit auf dem publicityträchtigen Stuhl sehen wollte.

Wer aber weiß, wozu ein Mann, der einen lebenden Adler in die Kabine zerrt wie einst Toppmöller in Frankfurt, noch fähig ist? Dann schon lieber die seriöse Tour mit dem Mann, dessen Kreditrahmen schon nach vier Wochen fast ausgeschöpft ist.

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