Sport : Hertha gegen Brasilien

Die Berliner hatten die Hoffnung auf südamerikanischen Fußballzauber – doch der blieb meistens aus. Jetzt muss Alex Alves wohl bald gehen

Michael Rosentritt

Belek. Alex Alves hockte gedankenversunken im Rattansessel der Hotellobby und bockte. Das Ungewöhnliche an diesem Böckchen war diesmal der Anlass. Zusammen mit seinem Landsmann Marcelinho war Alex Alves von rund einem Dutzend Journalisten zu einem Doppelinterview ermuntert worden. Marcelinho kam dem Anliegen nach und erzählte und erzählte. Alex Alves widmete sich lieber einer handelsüblichen Packung Rasierklingen, die er gerade erworben hatte und mit seinen Fingern umspielte. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. Entweder hatte er für seinen Geschmack viel zu viel Geld ausgeben müssen für die Packung, oder er ärgerte sich, weil er sie nicht aufbekam. Reden mochte Alex Alves nicht. So vergingen ein paar Minuten. Dann stand er auf und verschwand.

Marcelinho blieb. Und mit ihm die Hoffnung, dass Hertha BSC doch nicht bei allen Brasilianern danebengelegen haben kann. Vier Brasilianer spielen für Hertha: Alex Alves, Marcelinho, Luizao und Nené. Glücklich geworden ist der Verein mit ihnen seltener als sporadisch. Die Ausnahme ist Marcelinho, der sich zumindest in die Herzen der Fans gespielt hat. Allein er genießt innerhalb der Mannschaft Akzeptanz. Das ist wenig, bedenkt man, dass das Quartett ein nicht unwesentliches Kapital für den Verein darstellt. Alves und Marcelinho kosteten zusammen 15 Millionen Euro und sind die teuersten Transfers in Herthas Historie. Und auch Luizao, der im vorigen Sommer Weltmeister geworden und ablösefrei zu haben war, hat nicht aus purer Nächstenliebe in Berlin unterschrieben. Zehn Millionen Euro soll der Stürmer, der bisher das Tor nicht traf und latent verletzt ist, in vier Jahren verdienen. Bei Alves, der nach 17 Spieltagen zwei Tore schoss, verhält es sich ähnlich.

Solche Eckdaten hinterlassen Spuren innerhalb der Mannschaft. Das hören und sehen die Beobachter, und sie bemerken auch: Das Binnenklima der Mannschaft ist schlecht. Ein Grund dafür, so ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, sind eben Herthas Brasilianer, die Gruppenstärke erreicht haben. Und die dennoch isoliert am Rande des Gesamtteams stehen.

Speziell auf Stürmer Alex Alves ist kaum noch ein anderer Spieler gut zu sprechen. Mangelnde Ernsthaftigkeit lautet noch der diplomatischste Vorwurf. Diesen Stand hat sich der extrovertierte Brasilianer in den vergangenen drei Jahren in Berlin hartnäckig erarbeitet. In dieser Zeit brachte er es sogar bis in den Mannschaftsrat hinein – als Problem.

Als mit Huub Stevens zu Saisonbeginn ein neuer Trainer kam, hatte Alex Alves seinem Image als launiger Faulpelz noch den Kampf angesagt. Um ihn schnell wieder aufzugeben, wie viele bei Hertha bemerken. Und so besteht noch nicht einmal mehr in der Vereinsführung die Hoffnung, dass Alves nach drei Jahren doch noch mal zu der konstanten Verstärkung wird, die er doch sein sollte.

„Wir machen uns ernsthafte Gedanken“, sagte Manager Dieter Hoeneß kürzlich. Auch er will sich die Kapriolen eines Alex Alves nicht mehr bieten lassen. „Der hat schon mehr Geldstrafen gezahlt als die gesamten Hertha-Mannschaften der vergangenen zehn Jahre.“ Während im Fall von Marcelinho nach dessen erstem Jahr bei Hertha eine frühzeitige Vertragsverlängerung bis 2007 angestrebt und erzielt worden war, würde man Alex Alves liebend gern von der Gehaltsliste verschwinden sehen. „Das hat sich bald erledigt“, war jüngst aus dem internen Zirkel des Vereins zu erfahren.

Als Stevens seine Arbeit bei Hertha im vorigen Sommer aufnahm, eilte dem neuen Trainer der Ruf voraus, nicht gerade ein bedingungsloser Freund brasilianischer Fußballprofis zu sein. In den sechs Jahren, die Stevens zuvor in Schalke erfolgreich arbeitete, spielte nicht einer dort. Hinzu kommt bei Hertha, dass die Integration bis heute nicht wirklich gelungen ist. Ein Umstand, den auch die Vereinsführung nicht leugnet. Andere Bundesligisten wie Bayer Leverkusen sind da weiter, vielleicht professioneller. Ein Dolmetscher ist im siebentägigen Trainingslager von Hertha BSC nicht dabei. Es heißt, Manager und Trainer haben ganz bewusst entschieden. Die Brasilianer sollen sich endlich auf Deutsch verständigen.

Vielleicht klappt es dann besser mit der Leistung auf dem Platz. Denn für die mangelnde Leistungsentwicklung sprechen wiederum die Zahlen eine eindeutige Sprache: Alex Alves kommt auf neun Bundesligaspiele (davon einmal ein- und sechsmal ausgewechselt, zwei Tore), Luizao kommt auf acht Einsätze (fünfmal ein- und einmal ausgewechselt, kein Tor). Nené führt die interne Statistik in der Rubrik Muskelfaserriss an: drei. Und obwohl Marcelinho wieder mal die Ausnahme bildet (16 Spiele, einmal ausgewechselt, fünf Tore), befindet er sich in einer andauernden Formkrise. Sein letztes Tor erzielte er im vergangenen Oktober. Kurz vor Weihnachten meldete sich in dieser Angelegenheit Rupert Scholz, Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC, zu Wort. „Erwischt Marcelinho mal einen schlechten Tag, sieht es düster aus.“ Und Marcelinho erwischte in dieser Saison viele schlechte Tage.

Vergessen sind erst einmal die Tage, an denen Marcelinho der Mannschaft Spielkultur beibrachte und er davon sprach, seinen Landsmann Alves „mitreißen zu wollen“. Das ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil. Mittlerweile darf man nur hoffen, dass Marcelinho nicht von Alves in die entgegengesetzte Richtung gezogen wird. Kein anderer Spieler von Hertha hat in der Hinrunde so viele Gelbe Karten (6) gesehen wie Marcelinho, und das, obwohl dieser Spieler fast ohne Foulspiel auskommt. Er erhielt sie wegen Meckerns. Wie anders äußert sich Unzufriedenheit? „Kann sein, dass ich viele Fehlpässe gespielt und zu wenige Tore gemacht habe“, sagt Marcelinho. „Ich hoffe, dass die Mannschaft hilft, dann kann ich auch ihr wieder helfen.“

Von der Mannschaft wird er Hilfe erhalten, von seinen Landsleuten wohl eher nicht. Alex Alves zumindest hat das beim Interviewtermin auf seine Art demonstriert.

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