Hertha gegen Cottbus : Das ungeliebte Derby

Nur fünf Siege in dreizehn Pflichtspielen: Vor dem Derby im Olympiastadion erklärt Stefan Hermanns, warum Hertha BSC an einem Cottbus-Komplex leidet.

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Nach der 0:1- Niederlage gegen Cottbus am 27.09.2008 sitzt der damalige Herthaner Sofian Chahed niedergeschlagen auf dem Rasen.
Nach der 0:1- Niederlage gegen Cottbus am 27.09.2008 sitzt der damalige Herthaner Sofian Chahed niedergeschlagen auf dem Rasen.Foto: picture-alliance

Berlin - Wenn gutes Training sich durch eine klare Zielorientierung auszeichnet, dann hat Hertha BSC in dieser Woche wirklich gut trainiert. Gleich in der ersten Einheit vor dem Spiel gegen Energie Cottbus ging es richtig laut und lebhaft auf dem Trainingsplatz zu, die Spieler haben viel miteinander geredet, und nicht immer handelte es sich dabei um den Austausch von Höflichkeiten. Einmal musste sich Fanol Perdedaj von Torhüter Sascha Burchert eine unangenehme Frage nach seiner Berufsauffassung gefallen lassen, nachdem er kurz vor dem Tor den Ball vertändelt hatte: „Bist du besoffen, oder was?“ Und das am frühen Nachmittag! Patrick Ebert wiederum kommentierte eine nicht ganz astreine Aktion mit den Worten: „Es geht für uns ums Überleben.“

Markus Babbel, Herthas Trainer, fand es „ganz amüsant“, das alles von außen zu beobachten. Er hatte seinen Spielern eine Übung aufgegeben, „die ein Stück weit zum Mitdenken anregt“. Drei Mannschaften spielten gegeneinander auf drei Tore, und jeweils zwei Teams sollten sich gegen das dritte zusammentun. Patrick Ebert berichtete, Babbel habe ihnen aufgetragen, „dass wir auch mal dreckig sein sollen“, dass man sich also urplötzlich mit der Mannschaft verbündet, die gerade noch der Gegner war. Diese kuriose Spielform war in gewisser Weise die perfekte Vorbereitung auf die heutige Begegnung mit Energie Cottbus, in der es laut Ebert auch darauf ankommt, „dreckig in den Zweikämpfen zu sein, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen“. Genau das nämlich ist den Berlinern in Spielen gegen Energie immer wieder passiert.

Gemessen an ihren beschränkten Möglichkeiten sind die kleinen Cottbuser fast so etwas wie Herthas Angstgegner. Von 13 Pflichtspielen haben die Berliner nur fünf gewonnen, sieben Mal mussten sie sich Energie geschlagen geben, davon sogar drei Mal im eigenen Stadion. „Eigentlich haben wir immer schlecht gegen Cottbus ausgesehen“, sagt Ebert, der von Herthas Spielern die meisten Berlin-Brandenburg-Derbys miterlebt hat. Er erinnert sich noch an ein trostloses 0:0 im Olympiastadion, bei dem Marko Pantelic in der 90. Minute zum Elfmeter antrat und den Ball mit Wucht an die Latte nagelte. Auf der Habenseite der Berliner steht vor allem ein Spiel aus dem Frühjahr 2009. Hertha gewann 3:1 im Stadion der Freundschaft, und die Verhältnisse waren nach diesem Sieg so rosig, dass sie Dieter Hoeneß zum Tanzen brachten. Die ganze Stadt träumte damals mit Hertha von der Meisterschaft.

Unangenehme Hürde. Spiele gegen Energie stellen Hertha oft vor Schwierigkeiten – allerdings nicht beim 1:0 im Hinspiel.
Unangenehme Hürde. Spiele gegen Energie stellen Hertha oft vor Schwierigkeiten – allerdings nicht beim 1:0 im Hinspiel.Foto: König

"Union ist härter", sagt Markus Babbel

Im Großen und Ganzen aber denken die Berliner eher ungern an Cottbus zurück; Michael Preetz, Herthas Manager, verweigert sich einer Rückschau sogar explizit. Wenn er an Energie denkt, bekommt er schlechte Laune. Offensichtlich hat sich bei ihm über die Jahre eine derart tiefe Abneigung gegen den aufmüpfigen Nachbarn eingeschliffen, dass ihm nicht ein freundliches Wort zu den Cottbusern über die Lippen kommen will – weder über die durchaus beachtliche fußballerische Stilwende der Mannschaft unter ihrem Trainer Claus-Dieter Wollitz, noch über den Behauptungswillen des Vereins, der sich unter schwierigen strukturellen Bedingungen seit mehr als einem Jahrzehnt im Profifußball hält.

Preetz’ offensive Unlust, sich mit Energie und der gemeinsamen Vergangenheit zu beschäftigen, verstärkt den Eindruck, dass Hertha unter einem Cottbus-Komplex leidet. Dass dieses Duell mangels Alternativen zum Berlin-Brandenburg- Derby hochgejazzt wurde, ist den Berlinern nie so recht bekommen. Das Spiel war dadurch auch eine Art Klassenkampf, in dem sich der Außenseiter mit aller Macht dem privilegierten Nachbarn zur Wehr gesetzt und die fußballerischen Defizite oft durch noch mehr Leidenschaft kompensiert hat. „Es ist ein extrem wichtiges Spiel“, sagt Patrick Ebert. „Vielleicht gibt es deshalb bei einigen Spielern teilweise eine Blockade. Eigentlich darf das nicht sein.“ Glücklich, wer wie Markus Babbel von der Vergangenheit unbelastet ist und sagen kann: „Ich habe mich mit der Geschichte nicht befasst.“ Als echtes Derby sieht er das Spiel nicht. „Union ist schon ein anderes Kaliber.“

Manager Preetz wird es nur recht sein, dass das Spiel gegen Cottbus in dieser Saison hinter dem Duell mit dem Stadtrivalen Union zurücksteht. „Es hilft uns nichts, wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen“, sagt er. Entscheidend sei allein die aktuelle Stärke beider Mannschaften, und da gebe es als Hinweis nur den Vergleich aus der Vorrunde. „Es war ein enges Spiel“, sagt Michael Preetz. Der Sieger aber hieß am Ende: Hertha BSC.

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