Hertha gegen Ventspils : In die Europa League mit Adrian Ramos

Herthas neuer Stürmer Adrian Ramos erhält in der Europa League gegen die Letten vom FK Ventspils die Chance zur Akklimatisierung.

Sven Goldmann
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Fintenreich. Adrian Ramos trickst seine Gegner mit feiner Technik aus. Foto: Engler

So ein Jetlag kann eine teuflische Angelegenheit sein. Die Dunkelheit erscheint hell und umgekehrt, um drei Uhr Nachts bekommt man Appetit auf einen Kaffee und die Flanken fliegen wahrscheinlich auch anders in den Strafraum.

Vielleicht trägt die Überwindung diverser Zeitzonen zwischen Montevideo und Berlin Verantwortung dafür, dass Adrian Ramos noch zu kämpfen hat mit der Umstellung auf den Job bei seinem neuen Arbeitgeber. 75 Minuten lang hat der Kolumbianer am Dienstag mit den Kollegen von Hertha BSC gegen den Ball getreten. Es war das erste richtige Training mit der Mannschaft nach dem leichten Aufgalopp am Freitag vor dem Bundesligaspiel in Mainz und dem Auslaufen am Tag danach. Ramos ist sichtlich bemüht, er läuft viel, spielt fast immer direkt und schießt mit großer Leidenschaft aufs Tor, aber es wäre wohl ein bisschen verfrüht, schon von blindem Verständnis mit den neuen Mitspielern zu reden.

Hertha BSC und Adrian Ramos müssen sich noch finden, und das kann dauern. Wie ein Jetlag. Die südamerikanischen Ligen werden nicht allzu stark eingeschätzt, mal abgesehen von den Spitzenteams in Argentinien und Brasilien. Wie groß der Unterschied zum körperbetonten Tempofußball in der Bundesliga ist, das erleben sie gerade in Dortmund, wo die Borussia noch auf große Taten von Lucas Barrios wartet. Der Argentinier war im Kalenderjahr 2008 mit 37 Toren in 38 Spielen für das chilenische Team Colo Colo der erfolgreichste Vereinstorschütze der Welt. In der Bundesliga hat er noch kein einziges Mal getroffen.

Herthas Trainer Lucien Favre behauptet zwar, dass „Ramos bereit ist, uns so fort zu helfen“, aber das ist hohes Anspruchdenken bei einem Mann, der gerade 23 Jahre alt ist und noch nie außerhalb Südamerikas gespielt hat. Am Donnerstag wird er im Europa-League-Spiel gegen die Letten von FK Ventspils (19.00 Uhr, live auf Sky) von Anfang an spielen. 90 Minuten Akklimatisierung auf dem Weg zu der von Hertha erhofften und so dringend benötigten Verstärkung im Angriff.

Favre ist in den Fanforen im Internet dafür kritisiert worden, dass er Ramos am Samstag in Mainz erst in der Schlussphase eingewechselt hat. Doch das war gerade 27 Stunden nach dem anstrengenden Flug vom WM-Qualifikationsspiel in Montevideo nach Berlin, als der Jetlag noch mit all seiner quälenden Kraft im Hinterkopf saß. Und wer den Kolumbianer am Dienstag beim Training beobachtet hat, der wird erkannt haben, dass der Gewöhnungsprozess erst begonnen hat. Die Mitspieler beziehen ihn bereitwillig ein, aber es ist nicht so, dass sie ihn mit aller Macht suchen. Sie rufen „Ramos“ und nicht „Adrian“, die Vertraulichkeit muss sich finden. Beim Spiel auf vier kleine Tore hat Ramos ungefähr halb so viele Ballkontakte wie der Brasilianer Raffael, der nach einem Armbruch um den Anschluss kämpft.

Nach einer Stunde schickt Favre die Mannschaft in die Kabine, nur die Stürmer müssen bleiben. Schusstraining. Von links flankt Patrick Ebert, von rechts Raffael, und von Ramos in der Mitte lässt sich sagen, dass sein Abschluss mit links, rechts und dem Kopf beeindruckende Streuwirkung erzielt.

Er ist ohnehin kein typischer Stoßstürmer, kein Rammbock, der sich im Strafraum mit breiten Schultern Respekt verschafft. Wer sich die Mühe macht und das Internet nach Videos von Adrian Ramos durchforstet, der entdeckt einen spielenden Mittelstürmer, der mit feiner Technik und schnellen Bewegungen seine Gegner austrickst und ein gutes Auge für den richtigen Zeitpunkt zum Abschluss hat. Auch in seinem ersten Training bei Hertha hat er seine besten Momente, wenn er die Flanken von Ebert und Raffael nicht direkt aufs Tor jagt, sondern den Ball artistisch mit Brust oder Fuß stoppt, eine kurze Finte einstreut und dann schießt. Da staunen auch die Kollegen links und rechts. Guter Mann! Als er zum Ende des Trainings sieht, dass Ersatztorhüter Sascha Burchert ein paar Meter zu weit vor dem Tor steht, schnippt er den Ball aus dem Stand mit dem rechten Innenrist aus 25 Metern in den Winkel. „Gut, Ramos!“, ruft Favre.

Dann ist Schluss, Adrian Ramos verlässt den Platz, er friert und will unter die Dusche, aber die Fans bitten um Autogramme und gemeinsame Fotos. Eine Frau schenkt ihm ein Wörterbuch, Deutsch-Spanisch. „Gracias“, sagt Ramos, es ist ein dickes Buch mit vielen für eine erfolgreiche Zukunft wichtigen Wörtern –, Flanke, Tor, Schuss, Ecke, steht wahrscheinlich alles drin. Nur die Lieblingsvokabel seines Trainers muss er wohl nicht nachschlagen müssen. Polyvalent heißt auf Spanisch … polivalente.

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