Hertha-Gegner TSG Hoffenheim : Das Ende des Dorfvereins

Hertha BSC spielt am Wochenende in Hoffenheim um Klassenerhalt. Den Gegner plagen andere Sorgen, denn die TSG muss sich in Städten wie Heidelberg etablieren, um ohne Mäzen Dietmar Hopp überleben zu können.

Martin Ernst
Landunlust. Nur wenige Städter zieht es ins Rhein-Neckar-Stadion. Foto: dpa/Decker
Landunlust. Nur wenige Städter zieht es ins Rhein-Neckar-Stadion.Foto: dpa/Decker

Seit ihrem Aufstieg 2008 hat die TSG Hoffenheim mit ihrem Image als Dorfverein ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga. Die Kraichgauer verhalfen der Stadt Sinsheim und ihrem Stadtteil Hoffenheim erst zu Bekanntheit. Vom erklärten Ziel des Mäzens Dietmar Hopp, den Verein nach fünf Erstligajahren auf eigene Beine zu stellen, ist man im Kraichgau nach wie vor weit entfernt. Auch im siebten Jahr hat die TSG rote Zahlen geschrieben, in den letzten vier Spielzeiten fast 60 Millionen Euro.

Diese Saison endet mit einem Heimspiel am Samstag gegen Hertha BSC und einem weiteren Platz im grauen Mittelmaß. Mit Ingolstadt und Leipzig nähern sich ehrgeizige Start-Ups und der Bedeutungsverlust des ehemaligen Herbstmeisters schreitet voran. Will der Verein eines Tages ohne Hopps Zuschüsse überleben, muss er sich wandeln, vom Dorf- zum Stadtverein. „Wir müssen in die Städte“, stellte Peter Rettig letzten Herbst fest. Der TSG-Geschäftsführer will das Potenzial der Metropolregion Rhein-Neckar ausschöpfen.

Eine Hochschulstudie hat letzten November die wirtschaftliche Bedeutung des Klubs für die Region unterstrichen – aber auch konstatiert, dass sie vor den Toren der urbanen Zentren aufhört. Nur 1600 von gut 14 000 TSG-Dauerkartenbesitzern kommen aus Heidelberg oder Mannheim, die mit mehr als einer halben Million Bewohnern das größte Reservoir bieten. „Das Fanpotenzial in der 35 000-Einwohner-Stadt Sinsheim ist weitgehend ausgeschöpft“, sagt Renate Imoberdorf, die die Studie erstellte. „Gerade Heidelberg bietet noch Möglichkeiten.“ Hopp wollte sogar das Stadion 2005 nahe der Neckarstadt bauen lassen, doch einige Stadträte legten ihr Veto ein. Wer heute durch Heidelberg streift, merkt, dass Stadt und Verein noch fremdeln.

In Heidelberg merkt man nicht, wenn Hoffenheim spielt

Dem historischen Zentrum Heidelbergs sieht man kaum an, wenn Hoffenheim spielt. Am 29. Spieltag empfängt die TSG Bayern München und während die Rhein-Neckar-Arena ausverkauft ist, muss man in der Altstadt nach einer Gelegenheit suchen, das Spiel zu schauen. Zahlreiche Touristengruppen flanieren an diesem sonnigen Frühlingstag durch die Hauptstraße in Richtung Schloss. Nur wenige Gastronomen bieten eine Spieltags-Konferenz an. In einer verrauchten Alt-68er-Eckkneipe wird Schach gespielt, in der Zimmerecke flackert ein kleiner Monitor und kündigt die Aufstellungen an, doch das interessiert keinen der Gäste. Ein paar Straßen weiter zeigt eine Studentenbar Spiele. Bei Anpfiff sitzen zwei vom Pflastersteinlaufen erschöpfte ältere Herren vor ihrem Kaffee und warten, dass ihre Frauen die Shopping-Tour beenden. Nach und nach gesellen sich auch ein paar ausländische Studenten dazu und kriegen noch mit, dass Hoffenheim den Bayern ein 0:2 abtrotzt.

Nur zwölf Kilometer westlich liegt Mannheim, dort ist der Traditionsverein SV Waldhof trotz des Absturzes in die Vierte Liga deutlich beliebter. Und in Heidelberg „ist es einfacher, sich als schwul zu outen, als als Fußballfan“, sagt Heiko Walkenhorst mit ironischem Unterton. Nur zwei der an die 90 offiziellen Fanklubs kommen aus der Universitätsstadt. Der von ihm 2007 gegründete „Akademikerfanclub“ zählt mittlerweile an die 60 Mitglieder. Doch nicht viele Heidelberger nehmen den Weg regelmäßig auf sich, schon deswegen nicht, weil Sinsheim „mit dem Rad nicht erreichbar“ ist, so Walkenhorst.

Unter den Zugezogenen, aber auch unter älteren Generationen „gibt es viele traditionelle Bayern-, Gladbach- oder auch Kaiserslautern-Fans,“ sagt der Fanbeauftragte der TSG Michael Pisot, „da ist es schwer, hineinzustoßen.“ Der Fokus liegt nun auf kommenden Generationen: „Die Kinder der Bayern-Fans sollen irgendwann in TSG-Bettwäsche aufwachen.“ Längst hat der Klub eine Werbeoffensive gestartet. Ein blauer Hoffe-Express rollt täglich durch die Gegend und hält jeden Tag an einer Schule. Letztes Jahr war der Verein erstmals auf dem Heidelberger Herbst in der Altstadt präsent.

Doch das Anspruchdenken ist hoch in einer Region, die zu den reichsten Deutschlands gehört. Das Eventpublikum kann mit Mittelmaß auf Dauer nur wenig anfangen. Wo der Mangel an Geschichte das Fan-Sein erschwert, müssen Tore das Wir-Gefühl pushen. Bundesliga-Fußball gerne, aber dann bitte erfolgreich oder zumindest unterhaltsam.

Dieses Bedürfnis erfüllte TSG gleich im Aufstiegsjahr. Auf eine halbe Dekade grauen Ergebnisfußballs folgte die Saison 2013/14 mit einem spektakulären Torverhältnis von 72:70. Doch das hat sich mittlerweile auf mittelmäßigem Niveau eingepegelt. „Die Wahrnehmung in Deutschland hat sich verbessert“, findet Kapitän Andreas Beck dennoch. Wie die meisten TSG-Spieler lebt er in Heidelberg - und kann dem Status Quo auch Positives abgewinnen: „Man hat eine gewisse Anonymität, kann sich freier bewegen. Das ist schon was anderes als in Stuttgart.“ Andererseits hätte der frühere VfB-Spieler wenig dagegen, dass sich das ändert und die TSG auch Stadtklub wird.

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