Hertha : Hinten nicht ganz dicht

Herthas neuer Trainer Funkel sieht beim 1:3 gegen Hamburg ein ganzes und zwei halbe Eigentore.

Michael Rosentritt

Berlin – Philip D. Murphy hatte ein glückliches Händchen gehabt bei der Wahl seines Sonntagnachmittagprogramms. Der neue amerikanische Botschafter in Deutschland war samt seiner kinderreichen Familie ins Olympiastadion gekommen und bekam etwas geboten, was selbst für Powerpartys vor Football-Matches nicht selbstverständlich ist. Man könnte von einem Schauspiel mit Seltenheitswert sprechen, was sich in der ersten Halbzeit zwischen Hertha BSC und dem Hamburger SV abspielte. Vier Tore fielen, was eingedenk der momentan desolaten Verfassung des Berliner Fußball-Bundesligisten wenig wundert, aber wie sie fielen! Aus Herthas Sicht muss man wohl zufrieden sein, dass es am Ende beim 1:3 (1:3) blieb.

Die siebente Bundesliganiederlage in Folge für die Berliner war in ihrer Entstehung einmalig. Arne Friedrich hatte sein Team vor knapp 50 000 Zuschauern rasch in Führung gebracht. Herthas Kapitän lief nach seinem ersten Saisontor einmal längs durchs Stadion, um die Ostkurve zu erreichen, wo die eingefleischten Hertha-Fans zu stehen pflegen. Das Eis war gebrochen. Noch beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung hatte der Chor der Fans mit Unmut reagiert und nicht die Nachnamen der Spieler gerufen, sondern jeweils mit „Hertha BSC“ geantwortet.

Das Verhältnis zwischen Elf und Anhang hatte zuletzt erheblich gelitten. In den Augen vieler Fans waren bei ihren Lieblingen Wille, Einsatzbereitschaft und Leidenschaft nicht deutlich erkennbar gewesen. Insbesondere Friedrich war in die Kritik geraten, weshalb er nach seinem Tor in die Kurve gelaufen war.

Doch die neue Heiterkeit hielt nur eine Viertelstunde, bis Herthas Verteidiger Kaka eine eigentlich harmlose Hamburger Hereingabe mit dem Kopf zum eigenen Torwart leiten wollte. Allerdings hatte Timo Ochs zeitgleich seinen Platz im Tor verlassen und war selbst in die Gefahrenzone geeilt. Das hatte zur Folge, dass nun Kakas Rückgabe über ihn hinweg ins verlassene Tor segelte. „Durch das Eigentor sind wir verunsichert worden“, sagte hinterher Herthas neuer Trainer Friedhelm Funkel. Zumal bald darauf Ochs mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel ausgewechselt werden musste. Für ihn kam der 19 Jahre alte Sascha Burchert ins Spiel.

Inzwischen hatte sich der HSV berappelt. Er bot die reifere Spielanlage und war weit abgeklärter als die zerstreut wirkenden Berliner, die ihre eifrige und engagierte Linie der ersten Minuten längst verloren hatten. Funkel musste fortan mit ansehen, wie seine Elf sich um Kopf und Kragen zu spielen drohte. Erneut war es der Torwart, der das Team in Bedrängnis brachte. Nur war es dieses Mal der junge Burchert, der aus seinem Tor gestürmt war, um außerhalb seines Strafraums einen Flankenball des HSV mit dem Kopf zu klären. Der abgewehrte Ball landete vor den Füßen David Jarolims, der diese Einladung zum direkten Torschuss nutzte.

Es ging aber noch schlimmer. Nur zwei Minuten später sah Burchert sich erneut gezwungen, seinen Platz im Tor aufzugeben. Wieder flog der von ihm mit dem Kopf abgewehrte Ball zu einem Hamburger. Dieses Mal zu Zé Roberto, der die Gelegenheit sofort erkannte und – noch im Mittelkreis stehend – den Ball auf direktem Weg ins verwaiste Hertha-Tor beförderte.

Man kann die Tore zum 2:1 und 3:1 als „kurios“ bezeichnen, wie es hinterher Friedhelm Funkel tat. Man kann sie aber auch auf die Unbeholfenheit und Naivität der Berliner Defensive zurückführen, die einen gar nicht mal so drängenden HSV zum Toreschießen einlud. An diesem Nachmittag musste der Gast nur so tun, als wolle er gefährlich werden. Den Rest nahm Hertha selbst in die Hand. Es war wie im Boxen, wenn der eine einen Schlag andeutet und schon das beim Gegner Wirkung zeigt.

In der zweiten Hälfte wirkte Hertha etwas gefestigter. Allerdings gingen die Hamburger auch „nicht mit letzter Konsequenz“ zu Werke, wie es ihr Trainer Bruno Labbadia monierte. Sie verwalteten den Vorsprung. Einmal bot sich Hertha dann noch eine passable Gelegenheit, am richtigen Ende des Platzes ins Tor zu treffen, doch Gojko Kacar verfehlte das Ziel aus Nahdistanz. Die Berliner versuchten, ein Gegner auf Augenhöhe zu sein. Tore erzielten sie zwar keine mehr, aber an diesem Tag ging es nur noch darum, keine weiteren zu kassieren.

Mister Murphy jedenfalls dürfte sein Kommen nicht bereut haben. Er sah eine turbulente Aufführung. Schon vor dem Kick wurde dem Botschafter ein Hertha-Trikot mit seinem Namen und der Nummer 1 überreicht. Diese Rückennummer trägt für gewöhnlich der Torwart. Wenn das keine Einlassung war…

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