Hertha-Historie : Kohle, Roy und ein Elfmeter

Hertha ist Letzter und kämpft um den Klassenerhalt – nicht zum ersten Mal. Erinnerungen an einige Fast-Abstiege.

Sven Goldmann
Hertha
2004 wurde am Ende gejubelt. Jetzt ist Hertha Letzter und kämpft um den Klassenerhalt - nicht zum ersten Mal. Erinnerungen an...Foto: dpa

Dass Hertha nicht gewinnen kann und nach sechs Spieltagen in der Bundesliga auf dem letzten Platz steht? Halb so wild. Es gab schon schwierigere Situationen. Ein Rückblick auf vier Berliner Fast-Abstiege.

1963/64

Am Tag nach dem Spiel bekommt Alfons Stemmer sein Geld. 15 000 Mark, abgezählt in Hundertern, alles auf die Hand. 15 000 Mark sind eine Menge Geld, als Hertha BSC im ersten Bundesligajahr zum ersten Mal gegen den Abstieg spielt. Eigentlich ist Hertha gar nicht konkurrenzfähig. Welcher Fußballprofi geht schon gern nach Berlin, in die eingemauerte Stadt, von der alle westlich von Helmstedt denken, sie könnte jederzeit vom Russen eingenommen werden? Der 1. FC Saarbrücken steht früh als erster Absteiger fest, den zweiten spielen Hertha BSC und Preußen Münster unter sich aus. Am vorletzten Spieltag liegt Hertha mit einem Punkt vorn, empfängt 1860 München, muss aber zum letzten Spiel noch nach Münster. Das könnte im Falle einer Niederlage gegen 1860 auf ein Herzschlagfinale hinauslaufen. Doch die Münchner sind in der Tabelle jenseits von Gut und Böse, für sie geht es nur noch um Platz acht, neun oder zehn – und sie haben Alfons Stemmer. Der dirigiert als Kapitän die Abwehr und ist, so hat Herthas Manager Wolfgang Holst ermittelt, durchaus empfänglich für Zuwendungen. Die Münchner Abwehr, so berichten Zeitzeugen, macht an diesem Nachmittag einen sehr schläfrigen Eindruck, so dass Hertha trotz eines frühen 0:1-Rückstandes problemlos 3:1 gewinnt. Das reicht zum Verbleib in der Bundesliga, weil Münster zur selben Stunde 2:4 in Bremen verliert. Am nächsten Tag bekommt Alfons Stemmer vom Kicker die Note 5 und von Hertha seine 15 Riesen, so stellt es das Berliner Landgericht später fest. Preußen Münster als mutmaßlich Geschädigter kehrt nie wieder in die Bundesliga zurück, Hertha tanzt noch einen Sommer lang. Und wird dann erst einmal wegen betrügerischer Buchführung ausgeschlossen.

1971/1972

Hertha schließt die Saison am 28. Mai 1972 mit einem 2:4 in Bochum als Sechster ab. Paradiesische Zustände verglichen mit dem Jetzt, und man kann sich nur schwer vorstellen, wie knapp der Klub damals an einem Desaster vorbeigerutscht ist. Das hat seinen Ursprung im letzten Spiel der Vorsaison, als es für Hertha auf Platz drei in der Tabelle um nichts mehr ging und der Abstiegskandidat Bielefeld 1:0 in Berlin gewann. Am selben Abend noch wurden 140 000 Mark aus einem Bielefelder Aktenkoffer in die Berliner Mannschaftskasse transferiert. Das lässt sich nicht allzu lange geheim halten. Schon im Trainingslager vor der neuen Saison bittet Wolfgang Holst, immer noch Herthas Manager, alle Beteiligten zu Einzelgesprächen, und einer nach dem anderen gesteht die Annahme des Bielefelder Geldes. Die Transferperiode, in der die Klubs neue Spieler verpflichten können, ist bereits abgelaufen. „Wenn ich also mit meinem Wissen zum DFB gegangen wäre, hätte ich die goldene Verbandsnadel für die Aufklärung des Falles erhalten“, sagt Holst später. „Aber die gesamte Mannschaft wäre gesperrt worden, das hätte den sicheren Abstieg bedeutet.“ Holst spielt auf Zeit, er zögert die Aussage der Berliner vor dem DFB immer weiter hinaus, bis ins Frühjahr 1972, denn erst am 15. April kann Hertha auch theoretisch nicht mehr absteigen. In den nächsten Tagen melden sich alle Beteiligten beim DFB und sagen aus. Fast die gesamte Mannschaft wird gesperrt, Hertha beendet die Saison mit Ersatz- und Juniorenspielern. Der Verein aber reagiert so konsequent wie selten in seiner turbulenten Geschichte. Kein einziger der Skandalsünder läuft je wieder für Hertha BSC auf. Der FC Schalke 04, dessen Spieler erst Schmiergeld annahmen und dann auch noch einen Meineid schworen, tut so, als sei nie etwas geschehen. Klaus Fischer und Rolf Rüssmann spielen später sogar in der Nationalmannschaft.

1997/1998

Da ist diese Fernsehaufnahme, eine Sequenz von vielleicht zwanzig Sekunden. Die Bilder zeigen einen Mann, der ein Konferenzzimmer verlässt und von Blitzlichtern empfangen wird. Der Mann lacht und ballt die Fäuste, er hat gewonnen, kein Fußballspiel, nein, viel wichtiger, eine strategische Schlacht. Am 23. Oktober 1997 begründet Dieter Hoeneß seinen Ruf als Machtmensch, er wird ihn zwölf Jahre lang verteidigen. Herthas Präsidium wollte Trainer Jürgen Röber entlassen, was nicht ganz unbegründet war, denn von den bislang elf Spielen seit der Rückkehr in die Bundesliga hat Hertha kein einziges gewonnen und steht auf dem letzten Tabellenplatz. Röber hat alles versucht, den Torwart ausgetauscht und Bryan Roy, seinen prominentesten Spieler, auf die Bank gesetzt, aber es reicht einfach nicht. Jetzt soll Schluss sein, aber Hoeneß, damals noch Manager und ehrenamtlicher Vizepräsident, ringt der Vereinsführung eine letzte Bewährungsprobe ab. Wenn Hertha auch dieses Heimspiel gegen Karlsruhe verliert, muss Röber gehen. Der Trainer sagt, er glaube an seine Mannschaft, sie brauche nur mal ein Erfolgserlebnis. Am 25. Oktober 1997 kommt es im Olympiastadion zum Showdown. Das Interesse der Berliner hält sich in Grenzen, nicht einmal 30 000 Zuschauer sind bei Röbers Überlebenskampf dabei. Es sieht schlecht aus für den Trainer und seine Mannschaft. Schon in der zweiten Minute schießt der Franzose Marc Keller den KSC in Führung. Hertha wirkt nervös, verhaspelt sich und die Zuschauer pfeifen, als die Mannschaften zur Halbzeit in die Kabine gehen. Es ist ein schlechtes Fußballspiel, aber über die Qualität wird später niemand mehr reden. Bryan Roy, ausgerechnet Bryan Roy, der vermeintliche Fehleinkauf aus Holland, für 3,5 Millionen Mark ist er gekommen, dieser Mann also schießt das Ausgleichstor. Weil später auch noch die Freunde Eyjölfur Sverrisson und Michael Preetz treffen, gewinnt Hertha 3:1, und Röber darf bleiben. Hertha gewinnt vier der nächsten fünf Spiele, die Wende ist geschafft, am Ende landet die Mannschaft sicher auf Platz elf.

2003/2004

Hertha BSC denkt groß im Sommer 2003. Im nächsten Jahr ist das Olympiastadion fertig renoviert, und dann soll es großen Fußball geben, also mindestens die Champions League. So beschließen es die Berliner Profis und geben es als offizielles Saisonziel frei zur Veröffentlichung. Doch schon am ersten Spieltag gibt es im noch unfertigen Stadion ein 0:3 gegen Werder Bremen, „klackklackklack, so haben die uns die Dinger reingehauen“, sagt Herthas Ungar Pal Dardai. Und genauso geht es weiter. Am Ende der Hinrunde liegt Hertha auf Platz 17, Trainer Huub Stevens muss gehen und für ihn kommt frisch aus der Rente Hans Meyer. Unter dem wird nicht alles, aber einiges besser. Hertha klettert hinauf in der Tabelle, streut aber immer wieder ein Katastrophenspiel ein, so dass es zwei Runden vor Schluss um alles oder nichts geht. Hertha tritt bei 1860 München an. Ein Unentschieden reicht zum Verbleib in der Liga, die Münchner müssen gewinnen. Am 15. Mai 2004 läuft zunächst alles gegen die Saupreißn. Rodrigo Costa schießt 1860 früh in Führung. Die hält bis sieben Minuten vor Schluss, als der Schiedsrichter auf Einwurf für Hertha entscheidet. Es ist eine belanglose Situation, aber ein Münchner rückt den Ball nicht heraus, so dass die Berliner einen Freistoß zugesprochen bekommen. Der Brasilianer Marcelinho zirkelt ihn auf den Kopf von Verteidiger Alexander Madlung. 1:1, jetzt ist Hertha im Vorteil – und doch drauf und dran, alles zu verlieren. Herthas Nationalspieler Arne Friedrich rennt im Strafraum einen Gegner um. Elfmeter, zwei Minuten vor Schluss. Münchens Stürmer Francis Kioyo läuft an, Torwart Christian Fiedler springt in die linke Ecke, der Ball fliegt nach links – und am Tor vorbei. Dann ist Schluss, Hertha bleibt drin, die Spieler streifen sich Hemden über mit der Aufschrift: „Danke, Hans!“ Trainer Hans Meyer hat Hertha die Rettung beschert, was ihm die Fans bis heute nicht vergessen haben. Er ist ihr Retterkandidat Nummer eins, wenn denn, fünf Jahre nach Kioyos Fehlschuss, die Sache mit Lucien Favre schiefgehen sollte.

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