Hertha - HSV : Herthas Spiel dauerte 20 Minuten

Der HSV kämpfte mit seinen Nerven, und ein konsequent nachsetzender Gegner hätte diese Schwäche für einen Sieg genutzt. Doch so einen Gegner gab Hertha nur eine gute Viertelstunde lang ab und verlor.

Sven Goldmann[Hamburg]
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Hamburger Spieler jubeln nach dem 1:0 durch Paolo Guerrero. -Foto: dpa

      Kurz vor Schluss hatte Lucien Favre seinen ersten und einzigen Ballkontakt. Mit der Fußsohle stoppte der Schweizer den Ball, er wartete und wartete und behauptete den Ball auch gegen den Hamburger Thimothee Atouba, der ihn unter Favres Fuß hinweg stibitzen wollte. Nur auf einen seiner Spieler wartete der Trainer von Hertha BSC vergeblich. Bis die Berliner gemerkt hatten, dass sie einwerfen durften, waren wieder ein paar Sekunden vergangen. Sekunden, die der HSV nutzte, um sein 2:1 (1:0) über die Zeit zu bringen. Das Ergebnis vor 56 493 Zuschauern in der HSH-Nordbank-Arena ging in Ordnung, denn der HSV war die bessere Mannschaft. Aber mit ein bisschen mehr Glück und Mut, aber auch Klasse, hätte Hertha durchaus einen Punkt mit nach Hause nehmen können.

Und das, obwohl die Berliner 45 Minuten lang so schlecht gespielt hatten wie keine andere Mannschaft in dieser Saison auf Hamburger Geläuf. Alles Berliner Unvermögen vereinte sich im frühen Hamburger Führungstor. Schon nach drei Minuten lief Ivica Olic in aller Ruhe auf das Berliner Tor zu, er rutschte aus, rappelte sich wieder auf, fürsorglich beobachtet von Innenverteidiger Steve von Bergen. Torhüter Jaroslav Drobny stürzte sich dem strauchelnden Hamburger nicht etwa entgegen, er blieb erst stehen, ließ Olics Schuss von der Brust nach vorn prallen, direkt vor die Füße von Paolo Guerrero. Der Peruaner hätte damit nicht viel anfangen können, wäre nicht auch noch von Bergen ausgerutscht. So blieb Guerrero alle Zeit der Welt, den Hamburger Führungstreffer zu erzielen.

Eine Halbzeit lang sah es so aus, als wollten die Berliner diesen denkbar missratenen Auftakt als Alibi für ein am besten schnell zu vergessendes Spiel nutzen. Die Berliner wirkten fortan nicht etwa geschockt, sondern arrogant. Sie spielten wie eine Mannschaft, die mit zwei Toren vorn liegt und den Vorsprung mit Routine über die Zeit bringen wollte. Verantwortung dafür trugen Gilberto und Tobias Grahn, die beiden für das kreative Element zuständigen Spieler. Grahn hielt den Ball immer so lange, bis die Hamburger ihren Defensivverband organisiert hatten. Gilberto spielte auf der linken Seite mit geradezu provozierender Gleichgültigkeit. Der Brasilianer wagte in der 36. Minute den ersten Berliner Torschuss, drei Meter neben und zwei Meter über das Hamburger Tor. Zu diesem Zeitpunkt hätte der HSV schon mit drei, vier Toren vorn liegen können. Guerrero traf die Unterlatte, Jerome Boateng mit einem Schuss aus 25 Meter Torentfernung mit links den rechten Pfosten und später noch einmal das Außennetz.

Hertha war mit dem 0:1-Rückstand bestens bedient. Und der HSV sich seiner Sache vielleicht ein bisschen zu sicher. Denn in der zweiten Halbzeit war nichts mehr zu sehen von der Leichtigkeit, mit der die Hamburger ihren Gegner so lange beherrscht hatten. Herthas Trainer Favre nahm den Zauderer Grahn aus dem Spiel, und ohne ihn lief es besser. Auf einmal war die Genügsamkeit weg. Auch und gerade von Gilberto, der jetzt zeigte, dass er das Spiel bei Bedarf auch schnell machen kann. An seiner Seite wuchs der zuvor so nervöse Patrick Ebert zur bestimmenden Figur.

Es war kein Zufall, dass gerade ihm der Ausglich gelang. Nach schönem Pass von Pantelic trickste Ebert am linken Strafraumeck seinen alten Berliner Kumpel Boateng aus, machte noch drei Schritte und zirkelte den Ball mit dem rechten Fuß mit schönem Diagonalschuss ins rechte Hamburger Toreck.

Der HSV kämpfte mit seinen Nerven, und ein konsequent nachsetzender Gegner hätte diese innere Schwäche wohl genutzt, um einen Punkt mitzunehmen, mindestens. Doch so einen Gegner gab Hertha gestern nur eine gute Viertelstunde lang ab. Der HSV kam zehn Minuten vor Schluss zum Siegtor. Verteidiger Bastian Reinhardt erzielte es mit dem Kopf nach schöner Flanke von Rafael van der Vaart. Wieder einmal stimmte die Zuordnung nicht, vier Hamburger sprangen im Berliner Strafraum gegen zwei Herthaner.  

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