Hertha im Pokal : Ein Sieg zum Gruseln

Die neue Mannschaft von Hertha BSC offenbart im DFB-Pokal in Münster viele alte Schwächen.

Claus Vetter[Münster]
DFB-Pokal - SC Preußen Münster - Hertha BSC
Zum Verzweifeln. Hertha-Trainer Lucien Favre kann kaum glauben, was er sieht.Foto: dpa

Zum Werbebandenzerlegen war das. Lucien Favre tobte. Fast 120 Spielminuten musste der Schweizer einen holprigen Auftritt seiner Mannschaft erleiden. Mitunter lehnte sich der Trainer von Hertha BSC derart an eine Bande vor der Berliner Auswechselbank, dass einem um dieses Teil des Inventars im Preußen-Stadion angst und bange werden musste. Favre schimpfte viel, ruderte mit den Armen, diskutierte mit Manager Michael Preetz. Es war ein Schauspiel, das manchmal unterhaltsamer war als das, was Herthas Spieler am Sonnabend auf dem holprigen Münsteraner Rasen veranstalteten.

Das erfreuliche Ergebnis eines tristen Fußballabends war für Favre schließlich allein, dass Hertha auch in der zweiten Runde im DFB-Pokal spielen darf, nach dem hart erkämpften 3:1 nach Verlängerung bei Preußen Münster – einem Viertligisten.

War das in Münster die neue Hertha? Oder doch die ganz alte Hertha? Freude über den Pflichtsieg im ersten Pflichtspiel der Saison war dem Berliner Trainer später nicht anzusehen. Preußen Münsters Aufsichtsratsvorsitzender Thomas Bäumer hatte zuvor gesagt: „Zum Glück haben wir nicht jede Woche solch ein Spiel. Das wäre viel zu aufregend.“ Favre dachte laut: Pah! Bloß nicht jede Woche so was. Natürlich sei ihm klar gewesen, „dass es schwer werden würde gegen starke Münsteraner“. Doch seine Mannschaft habe einen „Weg gefunden, das Spiel zu gewinnen“. Allein das zähle.

Natürlich lebt es sich in der Rolle eines Favoriten im DFB-Pokal unkomfortabel. Erst recht, wenn der Favorit auch so ehrlich ist, diese Rolle anzunehmen. Dieses Versprechen aber war dann, wie so oft bei Hertha im Pokal, eine Bürde. Bei seinem unsouveränen Auftritt demonstrierte der Bundesligist Probleme in fast allen Mannschaftsteilen. Sahen Arne Friedrich und Steve von Bergen in der Innenverteidigung noch ordentlich aus, so waren außen Marc Stein und Lukasz Piszczeck überfordert.

Das Flügelspiel war gruselig, nach vorn fehlte der öffnende Pass, vor der Abwehr wollte Gojko Kacar und Pal Dardai nichts gelingen. Ein wenig geordneter wurde es erst, als der unter Knieproblemen leidende Cicero für den unglücklichen Dardai ins Spiel kam. Raffael und der eingewechselte Domowtschiski konnten einigen Wirbel veranstalteten und kurz vor Ablauf der 120 Spielminuten mit ihren Treffern das Elfmeterschießen vermeiden.

Aber auch dieser späte Aktionismus gegen einen ermüdenden Gegner ist mit Vorsicht zu bewerten. Der Gegner kam schließlich aus der Regionalliga West. Herthas Auftritt offenbarte eine in der guten Bundesliga-Rückrunde der vergangenen Saison schon verloren geglaubte Schwäche: Die Berliner hatten gegen einen schwächeren Gegner Probleme, den Verlauf zu diktieren. Selbst gegen Münster waren sie lange in der Rolle der reagierenden Mannschaft, als sie Angriffsversuche des Gegners abwehren mussten.

Was bedeutet das Spiel in Münster für Hertha eine Woche vor dem Bundesligastart gegen Hannover 96? Dass es im kreativen Bereich noch an Personal fehlt, Hertha weiter nach neuen Spielern suchen muss und dass Artur Wichniarek im Angriff noch nicht überzeugen konnte. Am Sonnabend spielte er so unglücklich wie so oft in seiner ersten Zeit bei Hertha – bei der alten Hertha vor der neueren Hertha, die vergangene Saison Bundesligavierter wurde. Die ganz neue Hertha sucht nach den Abgängen von Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrej Woronin noch ihre Identität. Das aber geht vielen Liga-Konkurrenten zum Saisonstart ähnlich. Und Favre weiß ja nicht erst seit Sonnabend, „dass es gegen Hannover schwer wird“.

Doch schließlich gibt es auch eine positive Erkenntnis aus dem ersten Pflichtspiel. Insofern hatte Wichniarek recht, als er sagte: „Am Ende war nicht alles schlecht.“ Denn, fügte Manager Michael Preetz hinzu: „Wäre es ein typisches Pokalspiel von uns gewesen, dann hätten wir es verloren.“ So gesehen hat in Münster doch nicht die alte Hertha gespielt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben