Hertha in der Krise : Tiefer, immer tiefer

Endzeitstimmung bei Hertha BSC: Der Trainer schweigt, sein Assistent mault, und die Spieler graben weiter, immer weiter.

Sven Goldmann
Training Hertha BSC
Grübeln für Hertha. Lucien Favre.Foto: ddp

Berlin - Herr Weiß ist auf den Trainingsplatz am Olympiastadion gekommen, er schafft es bis kurz vor die Absperrung und fragt, ob denn vielleicht jemand von Hertha BSC zugegen sei. Die Sache ist nämlich so: Vor ein paar Wochen ist er 70 geworden, Sohn und Tochter haben ihm ein Treffen mit Arne Friedrich geschenkt. Nörgler würden aus so einem Geschenk ein schwer gestörtes Vater-Kind-Verhältnis ableiten. Aber Herr Weiß ist Hertha-Fan seit 50 Jahren, er hat sich gefreut auf dieses Treffen mit dem Berliner Mannschaftskapitän, doch der Montagvormittag ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Arne Friedrich fehlt wegen einer Oberschenkel-Verletzung beim Training, außerdem dürfte er anderes im Kopf haben nach diesem neuerlichen Tiefpunkt, dieser 1:5-Niederlage bei der TSG Hoffenheim, mit der Hertha den letzten Tabellenplatz in der Bundesliga so souverän verteidigt hat.

Arne Friedrich fährt später noch mit seinem Auto auf dem Trainingsgelände vor, aber er sagt nichts an diesem Montag. Manager Michael Preetz lässt sich gar nicht erst blicken. Trainer Lucien Favre lässt sich von zwei Sicherheitskräften vom Platz begleiten und sagt, dass er schon alles am Sonntag gesagt hat, nämlich dass es nichts zu sagen gibt. Dafür redet sein Assistent Harald Gämperle, und das so laut und deutlich wie noch nie in seinen zweieinhalb Jahren in Berliner Diensten. Eine Zusammenfassung in geraffter Form: „Hertha BSC hat fachlich noch nie so einen guten Trainer gehabt wie jetzt, aber die Spieler merken das nicht und machen hinter dem Rücken des Trainers Politik, und so etwas geht überhaupt nicht. Wenn ein paar Spieler solche Leistungen abliefern, dann muss man sich schon fragen, welche Interessen diese Spieler haben.“

Von Gämperle ist bekannt, dass er ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu seinem Chef pflegt und zumindest in dessen Sinne geredet haben dürfte. Sein rauer Ton spricht für eine gewachsene Distanz zu Teilen der Mannschaft. Bei der Mannschaft kam er damit alles andere als gut an. „Unfassbar, wie kann der Mann in dieser Situation so sehr Partei gegen die Spieler beziehen“, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Ich glaube nicht, dass der Verein das so hinnehmen kann.“

So dürfte auch Harald Gämperles improvisierter Wutausbruch ein Thema sein bei den zahlreichen Krisensitzungen, die Hertha am Montag abhält. „Es gibt einiges zu bereden“, hat Michael Preetz gesagt, als er noch etwas zu sagen hatte. Am Sonntag, eine Stunde nach dem Hoffenheimer Debakel. Am Montag sucht er die Abgeschiedenheit der Backsteinbauten auf dem Olympiagelände. Gespräche stehen an mit Trainer Lucien Favre, mit erfahrenen Spielern wie Pal Dardai und natürlich Arne Friedrich, dem Mannschaftsführer, der zuletzt so wenig geführt hat und eher selbst der Führung bedurft hätte.

In Hoffenheim war der Nationalspieler zum wiederholten Mal ein Totalausfall. Das von ihm verantwortete Abwehrzentrum war für Vedad Ibisevic die Spielwiese, auf der er seine Wiedergeburt als Torjäger zelebrierte. Dreimal traf der Bosnier, jedes Mal ehrfürchtig eskortiert von Arne Friedrich. In der Klubführung fragt man sich und mittlerweile auch Friedrich immer lauter, welchen Interessen er dient.

Pal Dardai spricht stellvertretend für den Kapitän, dass jeder Spieler selbstverständlich für den Klub und damit auch für sich selbst spiele: „Wenn wir so weitermachen, kann ich mit meinen 33 Jahren langsam die Schuhe an den Nagel hängen, und Arne wird vielleicht auch nicht mehr lange in der Nationalmannschaft spielen.“ Und wenn es so weitergeht, wird Hertha nicht mehr lange der Bundesliga angehören. Den Trainingsplatz verlässt Favre im Geleit von zwei Ordnern. Das hat es seit Huub Stevens nicht mehr gegeben – und auch bei dem nur ganz am Ende seiner Amtszeit.

Bei Hertha macht sich Endzeitstimmung breit. „Wir müssen versuchen, uns aus diesem Loch auszugraben“, sagt Dardai. Überraschenderweise wird das Loch immer tiefer, je mehr Hertha gräbt.

Lucien Favre will nichts wissen von Löchern und von einem Rücktritt sowieso nicht. Er hat andere Sachen zu tun. Der Fußballlehrer Favre führt in diesen Wochen einen Zwei-Fronten-Krieg gegen unbedarfte Verteidiger und harmlose Stürmer, und an diesem Montag sind die Stürmer dran. Besser gesagt: der Stürmer, Adrian Ramos, mit dem die Berliner ihre Probleme im Angriff lösen wollten.

Erst einmal aber muss Favre ein Problem mit Ramos lösen. Eine halbe Stunde lang ziehen sie sich zum Einzeltraining in den hinteren Winkel des Trainingsplatzes zurück. Favre, Ramos, ein Ball und Dolmetscher Alcir Pereira, der dem Kolumbianer vermitteln muss, wie der Trainer sich das mit dem Toreschießen vorstellt. Es ist schön zu beobachten, wie Favre gestikuliert und immer wieder mit nach vorn schnellendem Unterschenkel den technisch korrekten Torschuss demonstriert. Dann darf Ramos aufs leere Tor schießen, und manchmal trifft er es sogar. Vielleicht steht der Einzelunterricht für Favres Anspruch, jeden Spieler ein bisschen besser zu machen. Eher seltsam wirkt es, dass er bei Ramos auf dem Niveau eines B-Jugendlichen anfängt.

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