Hertha jagt Tasmania : Ein Trauerkranz zum 100. Gegentor

Herthas Saisonstart weckt Erinnerungen an Tasmania 1900, den schlechtesten Bundesligisten überhaupt.

Sven Goldmann
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Kalte Duschen. In der Sauna konnten sich die Spieler von Tasmania 1900 um Torwart Klaus Basikow (hier links auf einem Bild von...ullstein - Schirner X

Berlin - Am Mittwoch kommen sie wieder zusammen. Kapitän Hans-Günter Becker, den alle Atze nennen. Ingo Usbeck, der die beiden Tore gegen Karlsruhe geschossen hat. Der lange Verteidiger Horst Talaszus, Torwart Klaus Basikow und alle anderen, die noch übrig sind aus der alten Mannschaft von Tasmania 1900. „Wir treffen uns jedes Jahr am 11.11. um 11.11 Uhr, das kann man sich in unserem Alter ganz gut merken“, sagt Basikow, er steht vor seinem 73. Geburtstag. Sie werden ein paar Gläser Bier trinken, über die alten Zeiten plaudern und natürlich auch über die neuen.

Wer hätte gedacht, das Tasmania 1900, der schlechteste Bundesligist aller Zeiten, noch einmal so gefragt sein würde?

Seitdem Hertha BSC in der Bundesliga ein Spiel nach dem andern verliert, fragt sich die Fußball-Öffentlichkeit teils hämisch, teils besorgt, welcher Tasmania-Rekord denn zuerst fallen wird. Der mit den wenigsten Punkten (8, allerdings nach der alten Zwei-Punkte-Regel), Toren (15) oder Siegen (2) in einer Saison? Die meisten Gegentore (108) oder Niederlagen (28)? Die längste Serie ohne Sieg (31 Spiele), die höchste Heimniederlage (0:9), das Bundesligaspiel mit den wenigsten Zuschauern (827)?

Tasmania war 1965 die vierte Kraft in Berlin und bestand zur Hälfte aus älteren Herren, die halbtags arbeiteten, abends auf einem Schlackeplatz trainierten und danach in der Kneipe Skat spielten. Die Spieler wussten, was auf sie zukam, und die Zuschauer wussten es auch. Im Olympiastadion gab es desaströse Heimniederlagen wie die gegen Duisburg (0:9), Köln (0:6) oder 1860 München (0:5), aber niemand in der Kurve rief: „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“. Nach dem 100. Gegentor drapierten die Fans hinter dem Tor einen goldenen Trauerkranz.

Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Tasmania im Sommer 1965 per Bundestagsbeschluss in die noch junge Bundesliga hievte, war das mehr eine Verurteilung denn ein Geschenk. Hertha BSC war wegen notorischer Betrügereien ausgeschlossen worden, aber die Zeiten waren kriegerisch kalt und eine Bundesliga ohne die Frontstadt Berlin undenkbar. Der Berliner Meister Tennis Borussia war in der Aufstiegsrunde grandios als Letzter gescheitert, Vizemeister Spandauer SV verzichtete dankend, und dann kam schon Tasmania.

Eigentlich hätte der DFB 1963 nicht Hertha BSC als Berliner Gründungsmitglied aufnehmen dürfen. Die überragende Mannschaft der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre spielte im Stadion Neukölln, auf einem Holperrasen, eingehüllt vom Lärm der Doppeldecker des Flughafens Tempelhof nebenan. 1959, 1960 und 1962 ging die Berliner Meisterschaft an Tasmania. Der Klub spielte 1962 auch als erste Berliner Mannschaft im Europapokal. „Hätte der DFB seine eigenen Kriterien eingehalten, hätte er uns in die Bundesliga aufgenommen“, sagt Basikow. Doch weil Hertha BSC die letzte Stadtmeisterschaft gewann und der umtriebige Strippenzieher Wolfgang Holst beim DFB antichambrierte, gingen die Tasmanen leer aus. Zwei Jahre später kam heraus, dass Hertha weit über die Verhältnisse gewirtschaftet und Schulden in Höhe von 192 000 Mark verschwiegen hatte. Deshalb und auch wegen verbotener Handgeldzahlungen wurde der Verein aus der neuen Bundesliga ausgeschlossen. Die sportlich nicht gerechtfertigte Aufnahme Tasmanias war der Versuch einer Wiedergutmachung, aber sie kam zu spät, im doppelten Sinn.

Die Bundesliga-Zulassung erhielt Tasmania am 31. Juli, 15 Tage vor dem ersten Spiel. In Berlin waren gerade Sommerferien, die Mannschaft wurde über den Verkehrsfunk im Radio zusammengetrommelt. Torwart Basikow erreichte die Nachricht am Gardasee, Kapitän Becker an der Ostsee. Verstärkung war so kurz vor der Saison nicht mehr zu haben, und ihren Besten, den Stürmer Fischer, hatten die Tasmanen ein paar Wochen zuvor verkauft. Es kam nur Horst Szymaniak, ein Nationalspieler, der bei Inter Mailand gespielt hatte, aber auch schon 33 war.

Zum ersten Spiel kamen 82 000 ins Olympiastadion, sie bejubelten einen 2:0-Sieg gegen Karlsruhe. Herthas Bundesligapremiere gegen Nürnberg hatten sich zwei Jahre zuvor nur 60 000 angeschaut. „Hertha war damals unbeliebt wegen der ganzen Betrügereien“, sagt Klaus Basikow. „Hätten wir dieses erste Jahr überstanden, wären wir die neue Fußballmacht in Berlin geworden.“ Doch Tasmanias große Zeit war vorbei, die meisten Spieler hatten die 30 überschritten. Den zweiten Sieg gab es am vorletzten Spieltag, ein 3:1 über den Mitabsteiger Neunkirchen, vor nur noch 827 Zuschauern im Olympiastadion.

Der SC Tasmania 1900 ist vor 36 Jahren im Konkurs versunken und lebt heute als Tasmania Gropiusstadt in der Achtklassigkeit weiter. Gespielt wird immer noch im Stadion Neukölln, nebenan an auf dem Flughafen Tempelhof lärmen längst keine Doppeldecker mehr. Horst Szymaniak ist vor fünf Wochen im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Kollegen werden seiner gedenken, am 11.11. um 11.11 Uhr. Dann werden sie über die alten Zeiten plaudern und natürlich auch über die neuen. „Eine einzige Katastrophe ist das mit Hertha“, sagt Klaus Basikow und dass ja irgendeiner absteigen müsse, aber ihre Rekorde würden sie schon ganz gern behalten. Wer sollte sonst demnächst noch über Tasmania reden?

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