Hertha : Kämpfen gegen den Abstiegskampf

Wohin steuert das Team von Lucien Favre? Nach einem verheißungsvollen Saisonstart waren die Ergebnisse zuletzt eher bescheiden. Hertha BSC steht heute beim 1. FC Nürnberg vor einem richtungsweisenden Spiel.

Claus Vetter
Favre
Wackelkandidat: Lucien Favre -Foto: ddp

Berlin - Steve von Bergen blinzelt. Die Dezembersonne lässt Herthas Trainingsgelände an der Hanns-Braun-Straße ein wenig freundlicher aussehen, als man es der Jahreszeit entsprechend erwarten darf. Von Bergen lächelt, schüttelt den Kopf. Krise? Bei uns? Nein, will er damit illustrieren, denn der Innenverteidiger des Berliner Fußball-Bundesligisten sagt: „Die Stimmung in der Mannschaft ist gut, das ist nicht das Problem.“

Was aber ist das Problem bei Hertha BSC? Als der Schweizer Verteidiger von Bergen früh in der Saison aus Zürich nach Berlin kam, debütierte er am dritten Spieltag zwar bei einer Auswärtsniederlage in Bielefeld (0:2), doch dann erlebte er die anfängliche Hochphase der Berliner mit – eine Phase, die Manager Dieter Hoeneß schon über einen Drei-Jahres-Plan dozieren ließ, an dessen Ende das Erreichen der Champions League stehen sollte. Inzwischen aber ist alle anfängliche Euphorie verflogen, wächst spätestens seit dem 0:3 am vergangenen Sonnabend gegen Bayer Leverkusen die Angst vor dem Absturz. Dem heutigen Spiel beim 1. FC Nürnberg kommt einen Spieltag vor Ende der Hinrunde richtungsweisende Bedeutung zu. Die Nürnberger sind Tabellensiebzehnter, mit sieben Punkten Rückstand auf die Berliner, und kein richtiger Tabellensiebzehnter, wie Herthas Trainer Lucien Favre findet, „sondern viel stärker“.

Von Bergen sagt: „Wir wissen doch alle, wie wichtig das Spiel für uns ist. Wir müssen Nürnberg da lassen, wo sie jetzt in der Tabelle stehen.“ Das klingt kompromisslos. Robust geht der 24 Jahre alte Verteidiger auch auf dem Platz zur Sache, als einen seiner Lieblingsschüler hat Trainer Favre ihn von seinem ehemaligen Klub FC Zürich nach Berlin nachkommen lassen – mit Stammplatzgarantie. Von Bergen allerdings gab in der Innenverteidigung nicht immer ein gutes Bild ab. Rettungstaten wechselten sich schon mal mit Fehlern ab. Das Auftreten des Schweizers ist symptomatisch für Herthas Auftritte in der Hinrunde. Ordentlichen Heimspielen folgten zuverlässig Auswärtsniederlagen – bis dann allerdings gegen Leverkusen auch zu Hause nicht mehr viel lief. Lucien Favre stapelt wohl auch daher vor dem Spiel in Nürnberg schon tief. Mit einem Punkt, sagt er, wäre er schon zufrieden. „Aber dafür müssen wir viel laufen, sonst wird das schwierig für uns.“ Die Nürnberger könnten heute noch von der Euphorie zehren, mit der sie vier Tage zuvor im Uefa-Cup Alkmaar 2:1 niedergerungen haben. Trainer Hans Meyer spricht davon, dass die Heimstätte seines Teams wieder „eine Bastion werden müsse“.

Das klingt Meyer-typisch selbstbewusst vor einem Spiel gegen einen angeschlagenen Gegner: Die ohnehin ersatzgeschwächte Hertha hofft, dass Gilberto und Marko Pantelic spielen können. Der Brasilianer hat eine fiebrige Erkältung, der Serbe eine Leistenverletzung. Der Einsatz der beiden soll sich kurzfristig entscheiden, heißt es. Vielleicht aber will Favre den Gegner auch nur im Unklaren über Herthas zu erwartende Stärke lassen – denn ohne Torjäger Pantelic und Vorlagengeber Gilberto wären die Berliner ihrer produktivsten Kräfte beraubt.

Eine derart tragende Rolle wie die beiden Hertha-Stars kann Steve von Bergen naturgemäß als Innenverteidiger nicht unbedingt spielen. Aber er kann kämpfen, sagt er. Zumal er sich auch noch einen Platz im Schweizer Aufgebot für die Europameisterschaft erstreiten will. Mit dem Engagement in der Bundesliga sei sein erster Traum in Erfüllung gegangen, sagt der viermalige Nationalspieler. „Mein zweiter ist die Europameisterschaft 2008 im eigenen Land. Dafür gebe ich alles“ – auch für Hertha, was nicht schaden könnte, denn nach dem Gastspiel in Nürnberg kommt am letzten Hinrundenspieltag Bayern München nach Berlin. Nach Nürnberg könnte es dann für Hertha prekär werden. „Moment“, sagt von Bergen und lächelt nicht mehr. „Jetzt denken wir nur an Nürnberg, das ist wichtig.“ Mit Teamgeist und Leidenschaft könne Hertha dort vieles erreichen – also wenn die Mannschaft genau so spielt, wie sie zuletzt gegen Leverkusen nicht gespielt hat.

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