Sport : Hertha kriegt die Krise

Die Berliner verlieren bei 1860 München nach einem kuriosen Spiel 0:1 und fallen aus den Aufstiegsrängen

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Sechzig ringt Hertha nieder. Benjamin Lauth (oben, im Duell mit Roman Hubnik) erzielte den Siegtreffer für die Münchner. Foto: nordphoto
Sechzig ringt Hertha nieder. Benjamin Lauth (oben, im Duell mit Roman Hubnik) erzielte den Siegtreffer für die Münchner. Foto:...Foto: nordphoto

Fabian Lustenberger ist eigentlich Mittelfeldspieler. Am Sonntag im Spiel bei 1860 München stellte ihn sein Trainer zunächst als Verteidiger auf, und beendet hat er das Spiel dann als Torhüter, weil Marco Sejna wegen absichtlichen Handspiels außerhalb des Strafraums die Rote Karte sah. Half alles nichts. Hertha BSC unterlag trotz Lustenbergers Vielseitigkeit 0:1 (0:1). Für die Berliner Fußballer war es in der Zweiten Liga die dritte Niederlage hintereinander, was den Sturz aus den Aufstiegsrängen nach sich zog. Vor 23 600 Zuschauern schoss Benjamin Lauth das Tor des Tages, Hertha damit auf Platz fünf und in eine handfeste Krise.

Ja, das Wort Krise steht jetzt nicht mehr auf dem Index. Markus Babbel nahm die böse Vokabel gleich mehrmals in den Mund, allerdings positiv und nach vorn gedacht, wie es seinem optimistischen Naturell entspricht. Herthas Trainer hatte trotz des neuerlichen Misserfolgs nämlich Hinweise darauf entdeckt, „dass wir aus dieser Krise herauskommen“, und zwar schnellstmöglich, „ich bin mir sicher, dass sich die Mannschaft schon im nächsten Spiel gegen Aue belohnen kann“. Im Spiel gegen den Überraschungsspitzenreiter aus dem Erzgebirge muss Babbel dann Verzicht üben auf Peter Niemeyer, der wegen seiner fünften Gelben Karte gesperrt ist.

Über seine Kartensammlung hatte der defensive Mittelfeldmann eine interessante Anmerkung zu machen, sie verträgt sich schwer mit den guten kämpferischen Ansätzen, die sein Trainer in München ausgemacht hatte. „Nicht dass ich dafür plädiere, dass jetzt alle Spieler viele Gelbe Karten kassieren sollen“, sagte Niemeyer, aber es sei schon komisch, dass er bei den Verwarnungen so meilenweit voranmarschiere „und der Nächste dann zwei Gelbe Karten hat oder so“. Das darf wohl als zaghafte Kritik an der kämpferischen Einstellung der Kollegen verstanden werden.

Es war ein kurioses Spiel und zudem eines mit so viel Veränderung, wie Markus Babbel sie bei Hertha noch nie gewagt hat. Ganz vorn spielte nach drei Spielen Pause mal wieder Rob Friend, der im Zuge einer Systemumstellung erstmals von einem zweiten Stürmer unterstützt wurde, dem Kolumbianer Adrian Ramos. Im Abwehrzentrum verteidigte Lustenberger, auch dies eine Saisonpremiere. Die größte Überraschung aber war der Einstand von Alfredo Morales. Der 20-Jährige gibt im Alltag den rechten Verteidiger in Herthas U 23, in München versuchte er sich im zentralen Mittelfeld, wo angesichts der Verletzungen von Raffael und Fanol Perdedaj erhöhter Bedarf bestand.

Morales machte seine Sache an der Seite von Peter Niemeyer wie der später für ihn eingewechselte Marvin Knoll bemerkenswert selbstbewusst, „sehr gut, die beiden, wieder zwei Spieler mehr für die Mannschaft“, befand Babbel. An Morales lag es nicht, dass Hertha die spielentscheidende Anfangsphase verschlief. Eher schon an routinierten Kräften wie Friend, der allein durch eine blutige Nase auffiel, oder dem Linksverteidiger Lewan Kobiaschwili. Der Georgier war es, der nach elf Minuten mit einem völlig missratenen Dribbling das Münchner Siegtor einleitete. Aleksandar Ignjovski nahm ihm den Ball ab und gab gleich weiter auf Lauth. Der frühere Nationalspieler hatte auf einmal viel Raum und Zeit, beides nutzte er zu einem Diagonalschuss in die linke obere Ecke des Berliner Tores.

Viel mehr hatten die Münchner nicht zu bieten. Dass sie dennoch nie ernsthaft in Gefahr gerieten, spricht nicht gerade für Hertha. Die Berliner erarbeiteten sich zwar eine optische Überlegenheit, aber richtig zwingend wurden sie nie. „Es fehlt immer noch der letzte Wille, die letzte Überzeugung, um ein Tor zu erzielen“, sagte Babbel. Vor der Pause gab es nur eine ernsthafte Chance – Ramos vergab sie mit einem überhasteten Schuss übers Tor, nachdem Gabor Kiraly, der frühere Berliner im Münchner Tor, Nikita Rukavytsyas Versuch zu kurz abgeblockt hatte.

Zur zweiten Halbzeit brachte Babbel Marco Djuricin für Kobiaschwili, und der junge Stürmer hätte kurz nach seiner Auswechslung um ein Haar den Ausgleich vorbereitet. Nach seinem Pass kam zunächst Rukavytsya zum Schuss. Kiraly parierte, der Ball trudelte Richtung Torlinie, und im Duell um den nächsten Kontakt belegte Ramos gegen Stefan Buck einen ehrenvollen zweiten Platz.

Hertha machte mehr Druck, aber Überlegenheit allein schießt keine Tore. Wie es geht, zeigte 1860 neun Minuten vor Schluss. Auf der rechten Seite hatte Herthas Torhüter Sejna den Ball abgefangen, dann gegen Djordje Rakic aber einen Tick zu lange überlegt. Später sprach Sejna von einer Riesendummheit, „ich hatte drei Optionen und mich leider für die schlechteste entschieden“, nämlich den Ball mit der Hand zu berühren. Rakic flankte noch auf Lauth, der zum vermeintlichen 2:0 einschob, aber da hatte Referee Babak Rafati schon auf Rot für Sejna entschieden.

Da Hertha schon drei Mal gewechselt hatte, folgte Lustenbergers Intermezzo als Torhüter, in dem er Glück hatte bei Moritz Leitners Lattenschuss und zwei gute Chancen vereitelte. Babbel lobte den Schweizer als „großartigen Innenverteidiger und sehr guten Torhüter“. Es war seine Premiere. Lustenberger hatte noch nie im Tor gestanden, und er meldete sich nur deshalb zum Einsatz, „weil ich gesehen habe, dass Roman Hubnik ins Tor wollte“. Den Tschechen aber wollte der clever mitdenkende Lustenberger beim finalen Ansturm nicht als Feldspieler missen, so dass er sich selbst zum Einsatz meldete. Eine schöne Geschichte, der aus Berliner Perspektive nur eines fehlte: ein Happy End.

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