Hertha-Krise : Auf Umwegen zurück in die Erfolgsspur

Herthas Trainer Friedhelm Funkel begibt sich mangels Fakten in den Bereich des Übersinnlichen. Er setzt auf das Fühlen.

Michael Rosentritt
Funkel
Friedhelm Funkel will die Außenseiterchance gegen Schalke nutzen. -Foto: dpa

Berlin - Friedhelm Funkel ist ein Phänomen. Seit zwei Jahrzehnten ist der 55-Jährige als Trainer im deutschen Fußball tätig. Vorrangig begleitete er Mannschaften, die sich an der Schnittstelle zwischen Bundes- und Zweiter Liga bewegen. Sein Ruf für glanzlose Jobs ist glänzend. Seine Aura hat nichts Schrilles, Magisches oder Visionäres. Der Name Funkel steht für die Primärtugenden des deutschen Fußballs: Kampf, Ausdauer, Wille. Und nun sagt er Sätze, wie man sie von Jürgen Klinsmann kennt. „Fußball ist und bleibt unberechenbar.“ Deshalb würden die Leute in die Stadien gehen, weil niemand vorher wisse, wie es ausgeht. „Das ist schon seit 100 Jahren so und wird in 100 Jahren so sein.“

Seitdem Friedhelm Funkel aufgegangen ist, dass er in Berlin seinen bislang schwersten Fall zu lösen hat, ist selbst für einen wie ihn der Übertritt ins Übersinnliche nicht mehr zu gewagt. Warum auch? In der Bundesliga hinkt Hertha historisch hinterher. Und das nach der kümmerlichen Heimniederlage gegen Frankfurt inzwischen ohne Aussicht auf Besserung. Also greift Funkel nach jedem Hoffnung stiftenden Moment. Als da wäre der jüngste Zittersieg in der Europa League in Riga gegen Ventspils. Rein sportlich ist das 1:0 nicht belastbar. Zu trödelig war Hertha im Umgang mit den Chancen im ersten Abschnitt, zu wenig zielführend beim Kontern nach der Pause. Und schließlich ist man doch am Ende nur mit viel Glück ohne Gegentor geblieben gegen eine Mannschaft, die vermutlich selbst in der dritten deutschen Liga in Nöte geriete. „Wir können mit Sicherheit besser spielen“, sagte Funkel. Da sprach der Realist in ihm, der konsequente, gradlinige Fußballarbeiter. „Bei aller Wertschätzung der Stürmer von Ventspils, die Angreifer des FC Schalke sind besser und torgefährlicher. Wenn ich da nur an Kuranyi, Sanchez und Farfan denke ...“, sagte Funkel.

Dieser Funkel, der bekannte Funkel, hat sich einen Blick für die Realitäten bewahrt. Doch den in 13 Bundesligaspielen sieglosen Berlinern fehlt es im Ligaalltag an positiven fußballerischen Gewissheiten. Davon gibt es eigentlich nur die, vielleicht im Europapokal zu überwintern. Funkel nickt. „Wir haben in Riga das erreicht, was wir wollten“, dass man im abschließenden Heimspiel gegen Sporting Lissabon am 16. Dezember es in eigener Hand hat, in die K.-o.-Runde der Europa League einzuziehen.

Durch diese kleine Hoffnung ist Hertha noch lange kein stabileres, geschweige denn bessere Gebilde geworden. Funkel setzt daher auf das Fühlen. Wie es also ist, ein Spiel mal wieder gewonnen zu haben. Doch wie weit trägt dieses Gefühl?

Wenn Hertha am Sonntag in Gelsenkirchen spielt (weiterhin ohne den verletzten Kapitän Friedrich), dann als krasser Außenseiter. Das wird in den dann noch bis zur Winterpause ausstehenden Spielen gegen Leverkusen und bei den Bayern nicht anders sein. Diesen Umstand will Funkel psychologisch nutzen. „Für die breite Öffentlichkeit haben wir diese Spiele schon verloren. Genau da müssen wir ansetzen“, sagt Funkel. Das müsse den Ehrgeiz in jedem einzelnen Spieler wecken, es allen zu zeigen. „Gegen diese Mannschaften haben wir nichts zu verlieren, aber Außenseiter können auch überraschen!“ Während Funkel das erzählte, machte er ein ernstes Gesicht. Er hörte seinen Worten hinterher und schien überzeugt zu sein. Wie er dieses Denken in die Spieler verpflanzen wolle, sagte er nicht. Er wisse aber, dass man als Außenseiter nur dann eine Chance habe, wenn man sehr diszipliniert auftritt und sich daran hält, was die eigene Mannschaft stark macht. Das Fußballerische kann er nicht gemeint haben. Das wusste wohl auch Funkel, den die Realität schnell wieder eingeholt hatte: „Wir müssen viel, viel stärker spielen, sonst haben wir gegen Schalke keine Chance.“

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