Sport : Hertha - Leverkusen: Finale Angst

Michael Rosentritt

Von einem echten Finale hatte Dieter Hoeneß gesprochen und das letzte Saisonheimspiel von Hertha BSC gemeint. Die von einem Trainerfunktionsteam betreute Mannschaft von Bayer Leverkusen war nach Berlin gekommen. Für die Berliner ging es um das Erreichen eines Platzes in der Champions League, dem spät ausgegebenen Maximalziel. Zu diesem Zweck benötigte Hertha mindestens den Platz von Leverkusen. Hoeneß hatte mit purer Absicht von einem Finale gesprochen - was für ein Fuchs, der Berliner Manager. Die Konstellation war also jedem klar. Entweder, oder.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Nun, das Spiel mit dem besonderen Charakter endete vor etwas mehr als 50 000 Zuschauern 1:1 (1:0), also so, wie Finalspiele eigentlich nicht enden. Zu einem richtigen Finale gehören ein richtiger Gewinner und ein richtiger Verlierer. Und doch ließen sich genau diese Titel nach 90 Spielminuten verteilen. Gewinner ist Bayer Leverkusen, die Mannschaft mit den vielen Trainern, Verlierer ist das Team von Jürgen Röber. Hertha BSC ist in diesen Fußballspiel kein Stück vorangekommen. Im Gegenteil, die Ausgangslage ist jetzt schlechter als vor dem Spiel. Da hatte Hertha es noch selbst in der Hand, einen der begehrten Plätze im Geldbeschaffungswettbewerb Champions League zu erreichen - mit einem Sieg, gegen die vor ihnen plazierten Leverkusener. In dieser Reihenfolge geht es in den letzte Spieltag. Und nur wenn Bayer gegen Bochum verliert und Hertha gleichzeitig in Kaiserslautern gewinnt, können die Berliner in der kommenden Saison mit Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe rechnen. Sollten aber die Berliner verlieren, und der SC Freiburg siegen und Werder Bremen hoch gewinnen, würde Hertha die Teilnahme am UI-Cup, auch Deppen-Cup gennant, drohen. Für die Berliner lässt sich seit gestern festhalten: Noch nie war ein Unentschieden so wertlos.

Wie es dazu kam, ist schnell erzählt. Sebastian Deisler hatte in der 21. Spielminute eine Kopfballverlängerung Marko Rehmers zur Führung der Berliner genutzt. Diesem Treffer gebührt insofern besondere Erwähnung, als das es wohl nicht viele Spieler gibt, die aus einer solchen Situation das Tor, geschweige ins Tor treffen. Deisler stand fast auf der Torauslinie, als er volley den Ball zwischen Torpfosten und -wart drosch. Leverkusens Cheftrainer Berti Vogts sprach von einem "glänzendem Tor" und davon, "dass Hertha in der ersten Halbzeit besser war, in der zweiten aber wir. Ja wir hätten hier sogar gewinnen können." Gewinnen müssen, Herr Vogts. Oliver Neuville hatte nach einer Spielstunde Herthas Führung egalisiert. Trainer Jürgen Röber sprach in diesem Zusammenhang von einem "Schlag mit dem Hammer" für seine Mannschaft. Im weiteren Verlauf scheiterten Neuville und Michael Ballack (Latte) denkbar knapp. Die Leverkusener hatten klare Feldvorteile.

Nach dem Ausgleich hatte Herthas Trainer Röber den angeschlagenen Dick van Burik vom Feld genommen und damit die Liberoposition aufgelöst - zugunsten eines weiteren Stürmers. Ali Daei kam. "Wir haben auf Offensive gesetzt", sagte Röber. So kann man es bei geneigter Betrachtung nennen. "Da haben wir Harakiri gespielt" - damit traf es Röber schon eher. Es wird sein Geheimnis bleiben, warum er den spielschwachen Iraner aufs Feld schickte und nicht die technisch versierteren Dariusz Wosz etwa oder René Tretschok. Dieter Hoeneß jedenfalls wollte diese Einwechslung nicht kommentieren. "Es ist uns einfach in der zweiten Halbzeit nicht gelungen, Fußball zu spielen", sagte der Manager. "Die Mannschaft war zu sehr darauf programmiert, zu null zu spielen." Oder, wie es Kapitän Michael Preetz sagte: "In der zweiten Halbzeit spielte die Angst mit, den Vorsprung zu verspielen." Bis es so weit war, denn dann kam noch die Angst hinzu, wieder mal selbst ein Tor zu schießen - zu viel Angst in einem Finale.

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