Sport : Hertha muss sich trauen

Michael Rosentritt

Hertha BSC könnte anfangen, die Krise als Herausforderung, als Chance zu verstehen und zu behandeln. Das setzt Offenheit und Ehrlichkeit voraus. Nicht den Medien zuliebe, sondern im Interesse des Klubs, seiner Fans und seiner Sympathisanten. Hertha könnte sagen, worin die Gründe für die Krise liegen, dass sportliche und wirtschaftliche Schwierigkeiten zusammenhängen. Hertha könnte endlich sagen, was Sache ist.

So muss der Verein sagen, dass es jetzt nicht mehr nur darum geht, irgendwelchen Saisonzielen hinterherzurennen, sondern überhaupt weiter im Profifußball mitspielen zu dürfen. Denn in Kürze vergibt die Deutsche Fußball-Liga die Lizenzen. Hertha müsste erklären, wie der Verein wirtschaftlich auf solide Füße zu stellen ist, um dessen Existenz über Jahre zu sichern. Hertha müsste darstellen, nicht nur dass, sondern wie bis zum Juni knapp 20 der 35 Millionen Euro Schulden in mittelfristige Verbindlichkeiten umgewandelt werden und dass dies nicht so leicht ist bei der Vorgeschichte. Hertha müsste sagen, dass die Liquidität in den vergangenen Jahren nur durch Vorgriffe auf künftige Einnahmen gesichert wurde. Hertha müsste sagen, dass dies Einfluss auf die Zusammenstellung des Kaders hatte. Hertha bräuchte nicht zu sagen, dass es dem Kader an Qualität fehlt. An Qualität, die nur bedingt aus dem eigenen Internat erwachsen kann, sondern von außen hinzugekauft werden müsste, aber eben nicht konnte. Und Hertha müsste sagen, dass dies alsbald auch nicht möglich sein wird. Also müsste der Verein seine Ziele auf ein realistisches Maß korrigieren und dafür um Verständnis und Geduld werben.

Das alles hat der Verein nicht getan und so Ungeduld entstehen lassen. Wenn Siege ausbleiben, wächst Unzufriedenheit. Offenheit und Ehrlichkeit würde zwangsläufig Eingeständnisse voraussetzen. Das ist schmerzlich für die Verantwortlichen. Aber die Chance, die damit verbunden ist, sollte für sie reizvoller sein, als die Öffentlichkeit weiter vorzuführen.

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