Hertha : Mut zur Stärke

Gute Ansätze hat man von der jungen Berliner Mannschaft ja schon gesehen. Jetzt fordert Herthas Trainer Favre mehr Geduld.

Sven Goldmann
Favre
Lucien Favre -Foto: ddp

Berlin - Lucien Favre arbeitet gern im Stillen. Wenn den Schweizer Fußballlehrer etwas stört in Berlin und bei Hertha BSC, dann ist es das tägliche Bohei beim Training. Die Meute der Reporter, die den Spielern nach jeder Übungseinheit auflauert und ihnen manchmal Sachen entlockt, die doch besser intern geklärt worden wären.

Zum Beispiel am Sonntagvormittag. Ein paar Stunden nach der 1:2-Niederlage in Hamburg, beschwerte sich Herthas Brasilianer Gilberto über seine vermeintlich ungeklärte Position („ich spiele überall gut, auch auf der Bank“) und deutete an, er müsse nicht über diese Saison hinaus in Berlin bleiben. Stimmt nicht, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. Gilberto spreche Deutsch nicht als Muttersprache und sei falsch interpretiert worden.

Drei Tage später wetterte Herthas Kapitän Arne Friedrich, im Training würde jeder laufen, wie er gerade Lust habe, niemand halte seine Position. Friedrich spricht Deutsch als Muttersprache, und Favre sagt, dass er dazu lieber gar nichts sage. Taktische Disziplin geht ihm über alles, und so kurz vor dem Heimspiel morgen gegen Hannover 96 hat er Besseres zu tun, als Querschüsse aus den eigenen Reihen zu kommentieren.

Ein Punktgewinn in Hamburg hätte vieles leichter gemacht für Favre und Hoeneß und Hertha. Hoeneß sagt, es habe weniger an fußballerischer Qualität gefehlt: „So schlecht war das Spiel gar nicht, vor allem in der zweiten Halbzeit“ (die in Herthas Retrospektive mit jedem Tag ein bisschen besser wird). Gefehlt habe es vor allem am Selbstvertrauen. Am Mut, die eigene Stärke richtig einzuschätzen und entsprechend Fußball zu spielen.

Man könnte jetzt gehässig einwenden, Herthas Stärke sei so geheim, dass nicht einmal der Gegner etwas davon wisse. Dieser Ansatz aber würde die bemerkenswerten Fortschritte ignorieren, die Hertha in den ersten Wochen unter Favre gemacht hat. Setzen seine Spieler das im Training Erlernte im Spiel nicht mehr um, weil ihnen der Mut zur Courage fehlt? Lucien Favre spricht lieber von Geduld, ohne die sich eine neue Fußballphilosophie schwer vermitteln lasse. Beim FC Zürich stand er zwischenzeitlich mal auf einem Abstiegsplatz, der Verein aber hatte Geduld und freute sich später über zwei Meisterschaften unter Favre.

Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld, als Lörracher ein halber Schweizer, hat dem Magazin „Euro-Soccer“ gerade erzählt: „Favre macht in Berlin einen sehr guten Job und hat einen Super-Start hingelegt. Er wird die Hertha zu einer Spitzenmannschaft formen.“ Lucien Favre nickt und sagt mit todernster Stimme: „Er hat völlig Recht.“

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