Hertha : Nummer zwei greift an

Christian Fiedler will es nochmal wissen. Herthas Ersatztorhüter will in der Rückrunde Jaroslav Drobny seinen Stammplatz im Hertha-Tor streitig machen.

Stefan Hermanns
Fiedler
Konkurrenten. Christian Fiedler (rechts) und Jaroslav Drobny liefern sich einen fairen Kampf um den Platz in Herthas Tor. -Foto: ddp

Berlin - Wie hart der Konkurrenzkampf um den Platz im Tor ist, bekommt Christopher Gäng buchstäblich am eigenen Leib zu spüren. Die Torhüter von Hertha BSC proben das richtige Verhalten bei hohen Bällen: Christian Fiedler schlägt Flanken von links, Gäng, die Nummer drei des Berliner Fußball-Bundesligisten, muss am Fünfmeterraum als Dummy für einen gegnerischen Stürmer herhalten, und Jaroslav Drobny steht im Tor. „Keeper!“, ruft der Tscheche, als der Ball heranfliegt. Er macht zwei Schritte nach vorne, rammt Gäng mit einem Hüftcheck zu Boden und springt dann in die Luft. Jaroslav Drobny weiß, wie man sich behauptet.

Am Ende einer nur wenig erquickenden Hinrunde hat Herthas Trainer Lucien Favre eine genaue Analyse aller Positionen angekündigt, auch der des Torhüters. Seitdem gilt die Frage, wer in der Rückrunde die Nummer eins der Berliner ist, wieder als offen. „Es ist nicht anders als im Sommer“, sagt Christian Fiedler, der Herausforderer. Vor der Saison hat er den Kampf gegen Drobny verloren – hauchdünn, wie Favre sagte. Doch der Tscheche, den Manager Dieter Hoeneß vor einem halben Jahr aus Bochum nach Berlin geholt hat, ist schneller infrage gestellt worden, als viele das erwartet haben.

Im Trainingslager hat Hertha zwei Testspiele bestritten: Drobny durfte gegen Grasshopper Zürich spielen, Fiedler gegen Rapid Wien. Aufschlüsse über den Ausgang des Duells brachten die Begegnungen nicht. Fiedler kassierte zwei Gegentore nach Standardsituationen, was den alten Vorbehalt zu bestätigen schien, dass er als Torhüter eigentlich zu klein sei; doch auch Drobnys Auftritt förderte nichts grundsätzlich Neues zutage. „Ich habe keine Tendenz bei niemanden“, sagte Favre am Ende des Trainingslagers. Zum Kampf um den Platz im Tor äußerte er sich generell nicht, so dass man nicht einmal genau weiß, ob es diesen Kampf überhaupt gibt. „Ich habe mit dem Trainer nicht über die Torwartfrage gesprochen“, sagt Drobny.

Dass es überhaupt eine öffentliche Debatte gibt, liegt vor allem daran, dass der Tscheche Herthas Erwartungen in der Hinrunde nur bedingt erfüllt hat. Der 28 Jahre alte Drobny, mit 1,90 Meter Körpergröße und seiner Statur ein ganz anderer Typ als Fiedler, sollte Präsenz ausstrahlen und der Abwehr ein Gefühl der Stabilität vermitteln – vor allem bei hohen Bällen. Doch auch Drobny bleibt bei Flanken meistens auf der Linie. Bei den abgewehrten Schüssen gibt es ebenfalls keine gravierenden Unterschiede. Der Unterschied besteht wohl eher in dem, was man sehen will. „Wenn ich in der Hinrunde im Tor gestanden und die Mannschaft 20 Punkte geholt hätte, hätte man mich jetzt wahrscheinlich zerrissen“, sagt Fiedler.

Trainer Favre hat Fiedler nie so schlecht gesehen, wie er in der Rückrunde der vergangenen Saison gemacht wurde. Trotzdem versetzte er ihn nach dreieinhalb Jahren als Stammtorhüter und insgesamt 137 Bundesligaspielen zurück auf die Bank. „Er muss mir nichts erklären“, sagt Fiedler über Favres Entscheidung. „Ich bin keine 20 mehr.“ Im März wird er 33. Und überhaupt: Von völlig abgeschrieben auf hauchdünn verloren – das sei doch schon ein Erfolg.

Die Frage ist, ob tatsächlich noch mehr möglich ist. Im Grunde passt Fiedler viel besser in Favres Philosophie. Er kann ein Spiel lesen, besitzt eine hohes Antizipationsvermögen, das der Trainer bei vielen seiner Feldspieler vermisst, und kann dank seiner fußballerischen Fähigkeiten jederzeit angespielt werden. Favre ist es wichtig, dass die Mannschaft die einfache Lösung, im Zweifel auch den Umweg über den eigenen Torwart, sucht und geduldig bleibt, bis sich eine neue Möglichkeit nach vorne ergibt. Mit Fiedler geht das. Wann immer aber Drobny im Test gegen Zürich angespielt wurde, drosch er den Ball weit nach vorne.

Den Kampf um seine Position fürchtet der Tscheche trotzdem nicht. „Ich bin derzeit sehr gut in Form“, sagt er. Eine normale Situation sei das. Viel normaler als das, was er einmal beim FC Fulham erlebt hat. Als dort zwei Torhüter verletzt ausfielen, verpflichtete der Klub kurzfristig drei neue. Wenig später waren alle wieder fit, so dass sechs Torhüter um den einen Platz im Tor kämpften. Drobny verließ den Verein. Ein solches Schicksal wird ihm diesmal wohl erspart bleiben. Auch wenn er die Erwartungen nicht erfüllt hat, war Drobny nicht so schlecht, dass ein Wechsel im Tor zwingend geboten wäre. Eher wird Christian Fiedler Hertha verlassen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Fiedler sagt: „Ich will noch spielen.“

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