Sport : Hertha räkelt sich zwischen Sensation und Wunder

MICHAEL ROSENTRITT

BERLIN .Der lange Dieter Hoeneß steht da und lächelt übers ganze Gesicht."Ist das nicht ein schönes Bild?" fragt Herthas Manager in die Runde und beläßt seine Augen auf der ARD/ZDF-Videotexttafel 253, wo immer sonnabends, so kurz vor halb sechs, die Bundesligatabelle erscheint.Hinter dem FC Bayern und Leverkusen rangieren die Berliner nach 21 Jahren wieder auf Platz drei.Verflixt, wer hätte das vor einem halben Jahr gedacht? Hoeneß auch nicht.

Der UEFA-Cup-Startplatz dürfte nach dem 4:1-Sieg über den VfL Bochum so ziemlich sicher sein.Auch wenn man bei Hertha immer noch zuerst den Blick nach hinten wählt, zu Platz sieben, zur Konkurrenz ums internationale Geschäft.Ein bißchen Angst haben sie wohl noch, die beiden Herthaner, die ihren Verein an vorderster Front verkaufen: Manager Hoeneß und Trainer Jürgen Röber.Hoeneß ist noch der erste, der sich dann und wann, vor allem aber nach Spielen wie gegen den VfL, vom seit Wochen propagierten Besitzstandsdenken entfernt: "Wenn alles läuft, dann können wir dort auch am Ende stehen." Wie erschrocken über seine Aussage fügt er schnell an: "Aber das Restprogramm hat es ihn sich."

Einstweilen aber befindet sich der aufgeweckte Riese - frei nach Hoeneß - "zwischen Sensation und Wunder".

Was der Manager sagt, meint er so: Sollte Hertha mindestens Sechster werden, also einen Platz im UEFA-Cup erreichen, "wäre das eine Sensation".Springt am Ende gar Platz drei oder vier heraus, nimmt Hertha an der Qualifikationsrunde zur Champions League teil.Hoeneß spricht ruhig aus, was viele Spieler und Trainer wohl im Hinterkopf haben, aber nicht rauslassen - wollen oder dürfen? "Nein", entgegnet Hoeneß, "darum geht es gar nicht.Der Sieg gegen Bochum war wichtig, um etwas sicherer in die kommenden Aufgaben zu gehen." Am Sonnabend muß Hertha zum Tabellenzweiten nach Leverkusen, dann kommt der Tabellensechste Wolfsburg, anschließend geht es zu den Bayern.Hoeneß will wissen: "An Leverkusen werden wir wohl nicht mehr rankommen, an die Bayern sowieso nicht.Wir wollen uns aber dort behaupten, wo wir momentan sind." Und wenn die Mannschaft so kompakt und aggressiv wie gegen den VfL auftrete, dann sei ihm nicht bange, sagt der Manager: "Bei aller Vorsicht - es soll nicht der Eindruck entstehen, daß wir jetzt Angst vor der eigenen Courage hätten.Wir werden uns nicht wehren gegen einen Platz in der Champions League."

Der Manager wähnt den Verein, die Stadt und wohl auch sich selbst in einem Lauf, wenn er sagt: "Oben zu bleiben, ist immer schwerer, aber erste Visionen sind Realität geworden." Hertha BSC ist drauf und dran, sich in der Beletage des deutschen Fußballs einzunisten.Das werde von potentiellen Neuverpflichtungen anerkannt, erzählt Hoeneß, aber auch von "unseren wirtschaftlichen Partnern und von der politischen Szene".

Seine Ansprüche sind hoch, denn sie basieren auf persönlichen Erfahrungen.Der Mittelstürmer Dieter Hoeneß war mit dem VfB Stuttgart zweimal, mit dem FC Bayern gar achtmal im internationalen Geschäft."Deswegen weiß ich aber auch, was noch zu tun ist.Wir haben noch einen langen Weg vor uns.Vor allem müssen wir darauf vorbereitet sein, wenn das eintrifft, wovon alle reden." Denn für die nächste Bundesligasaison dürfte sich das Ziel von allein formulieren.Die Bayern seien das beste Beispiel, "die schaffen das seit zwanzig Jahren, daß sie da oben stehen".

Auch Jürgen Röber hat einmal beim FC Bayern gekickt, und er bringt seinen ehemaligen Verein gern ins Gespräch, wenn er auf Unzulänglichkeiten hinweisen will, die er in seinem Team ausfindig gemacht hat: "Uns fehlt es in manchen Situationen noch an Cleverness." Endlich aber spielte mit Dariusz Wosz die zentrale Figur seiner Riege auf wie ein Champion."Er will immer etwas Besonderes machen, es erzwingen", sagt Röber, "dabei kommt so etwas von ganz allein." Herthas Hoch kommt freilich nicht aus dem Nichts.Auch wenn der momentane dritte Platz ein bißchen unheimlich anmutet."Na ja, Platz drei, ich weiß nicht", sagt Hoeneß."Dortmund hat sicherlich ein besseres Potential, und vielleicht hat auch noch Kaiserslautern andere Möglichkeiten, weil sie schon einmal in der Champions League spielten.Aber wenn wir auch nur einen UEFA-Cup-Platz erreichen, dann können wir sagen, daß wir uns den wirklich verdient haben."

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