Sport : Hertha - Rostock: Späte Strafe

Klaus Rocca

Steffen Baumgart ging langsam zur Seitenaus-Linie. Provozierend langsam. Derart provozierend, dass Schiedsrichter Jürgen Aust ihm hinterherlief und nach der endlich vollzogenen Auswechslung Baumgarts seinem Assistenten Stefan Trautmann eine weitere Minute Nachspielzeit signalisierte. Baumgarts Zeitschinden sollte sich rächen. In der dritten Minute der zusätzlichen Spielzeit, als einige nicht nur wegen des Regens die ungastliche Spielstätte Olympiastadion schon verlassen hatten, fiel jenes Tor, an das kaum noch jemand geglaubt hatte. Erzielt wurde es von Pal Dardai zum 1:0. Die Glücklichen waren Herthas Bundesliga-Kicker, Hansa Rostock war noch kalt erwischt worden. Man könnte es als gerechte Bestrafung ansehen. Denn Rostock wollte gar nicht gewinnen. Auch so was rächt sich manchmal.

Wen wundert es, dass die Rostocker nach dem Schlusspfiff geschockt waren? Doch ihr Ärger richtete sich nicht gegen sich selbst, was bei ihrem seelenlosen, überängstlichen Gekicke angebracht gewesen wäre, sondern gegen den Schiedsrichter. Der hatte in den überaus hektischen Schlussminuten ignoriert, dass Trainer Friedhelm Funkel René Rydlewicz aus- und Timo Lange einwechseln wollte - natürlich, um noch weitere Zeit zu schinden. "Das war Betrug. Wir hätten sonst nicht verloren", schimpfte Funkel. "Ich kenne keine Regel, die das Auswechseln verbietet." Dass Herthas Manager Dieter Hoeneß "volles Verständnis" für den Ärger der Rostocker äußerte, fiel ihm angesichts des sicheren Sieges leicht, für Funkel war es kein Trost. Übrigens durfte Lange dann doch noch auf den Rasen, aber da war das Tor schon gefallen.

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Nach seiner umstrittenen Entscheidung hatte Aust natürlich einen schweren Stand. Marcus Lantz, schon verwarnt, erregte sich besonders stark und sah noch die Gelb-Rote Karte. Andere aus dem Rostocker Lager bedachten Aust gleichfalls mit nicht druckreifen Worten, sogar Gegenstände flogen in seine Richtung. Ein höchst ungemütlicher Nachmittag für den Kölner, seit über zehn Jahren schon im Bundesliga-Geschäft.

Es war eine dramatische Schlussphase eines Spiels, das zuvor höchst undramatisch verlaufen war. Weil die einen (Rostock) nicht wollten, und die anderen nicht so konnten, wie sie wollten. Nach 60 Minuten hatten die Gäste den ersten ernst zu nehmenden Schuss - durch Baumgart - aufs Hertha-Tor abgegeben. Eine klägliche Bilanz.

Mochten die rund 8000 Rostocker Anhänger auch noch so oft "Auswärtssieg" rufen, die in Gelb aufgelaufenen Norddeutschen dachten gar nicht daran, ihre defensive Haltung aufzugeben. Selbst in der letzten Viertelstunde, als sich ihnen bei Herthas Offensiv-Phase die eine oder andere Konterchance bot, gingen sie nur halbherzig zu Werke. "Die wollten doch nur das 0:0", erkannte Herthas Trainer Jürgen Röber. Dabei hatte Hansa zuvor dreimal gewonnen.

Röber war natürlich bei aller Anerkennung der "starken läuferischen Leistung und des enormen Fightens" nicht entgangen, dass seine Mannschaft wie schon gegen Unterhaching spielerisch nur Dürftiges bot. Laut Hoeneß hat sie aber "Charakter gezeigt". Zumindest in der zweiten Halbzeit, in der Röber dann auch noch den Libero (Dick van Burik) auflöste und mit Piotr Reiss einen dritten Stürmer aufs Feld schickte. Der Pole war es dann auch, der das späte Tor vorbereitete. Dardai, der in fünf Tagen 25 Jahre alt wird, profitierte davon, schoss scharf und platziert, unhaltbar für den guten Torhüter Martin Pieckenhagen. Sein Gegenüber Gabor Kiraly, so gut wie gar nicht geprüft, machte sich sofort auf den weiten Weg, um seinem zur gegenüberliegenden (und den Hertha-Fans nahen) Eckfahne laufenden Landsmann zu gratulieren.

Für Röber war es ein "glücklicher, aber hoch verdienter" Sieg. Glücklich, weil das Tor so spät fiel. Hoch verdient, weil die Herthaner nach langer Zeit gleichfalls zögerlicher Haltung wesentlich druckvoller angriffen, durch Sixten Veit, Michael Preetz und Alex Alves auch gute Torchancen hatten. Am Ende war auf den mit 40 000 Zuschauern gut besetzten Rängen der Ärger über die niveauarme Partie vergessen. Wenn ein Freistoß von der Mittellinie von Kostas Konstantinidis zum Torwart zurückgegeben wird, sagt das genug. Auch der auf der Tribüne sitzende A2-Bundestrainer Horst Hrubesch dürfte nicht sonderlich beeindruckt gewesen sein.

Immerhin, Hertha hat mit reichlich Ersatz in der von Hoeneß propagierten "Woche der Wahrheit" nach drei Heimniederlagen den zweiten Sieg im heimischen Stadion geschafft. Wenn Röber dennoch auch gestern alle Spekulationen hinsichtlich des Titels weit von sich wies, ist das kein Understatement, sondern Realismus. Trotz des guten Tabellenstandes. Doch Hertha steht nicht mit vorn, weil sie so gut ist, sondern weil andere so schlecht sind.

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