Sport : Hertha schließt Frieden

Fans und Spieler feiern den Einzug in den Uefa-Cup

Frank Bachner

Berlin. Eyjölfur Sverrisson lügt schamlos, alle im Stadion hören es, Sverrisson lacht dabei sogar noch, und deshalb ist jetzt der Teufel los. 50 000 stehen auf, sie klatschen, sie jubeln, sie toben. „Ick bin ein Berliner“, hatte Sverrisson ins Mikrofon gerufen. Dabei weiß doch jeder, dass er aus Island kommt. Aber wenn sich John F. Kennedy nach einer einzigen Rede vor dem Rathaus Schöneberg Berliner nennen darf, dann darf Sverrisson das nach „acht sensationellen Jahren bei Hertha“ erst recht. Jetzt geht er zurück in seine Heimat, aber vorher verabschiedet er sich. „Ihr seid die Größten, ich werde immer ein Herthaner sein.“ So etwas wollen die Fans hören, deshalb jubeln sie weiter.

Es ist 17.24 Uhr, es ist alles gelaufen, Hertha hat 2:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern gewonnen, Hertha steht im Uefa-Pokal, die Fans müssen ihre Spannung abreagieren, die Spieler auch, und deshalb trifft Pathos auf ungeteilten Jubel. Nach Sverrisson greift Michael Preetz zum Mikrofon. Preetz, der um 17.08 Uhr mit kargen Gesten von Feld getrabt war, das letzte Mal nach 17 Jahren Profifußball. Nach dieser Szene war das Schlimmste zu befürchten. Würde er etwa mit beherrschter Stimme verkünden: „Liebe Fans, ich bedanke mich bei euch. Mit freundlichen Grüßen, euer Michael Preetz.“ Nein, Michael Preetz zeigt Emotionen, man sie muss sie nur übersetzen können. „Die mit Abstand schönsten Momente meiner Laufbahn meiner Karriere verdanke ich euch“, sagt er. „Und die mit Abstand bewegendsten verdanke ich Hertha. Ihr wart ein Weltklassepublikum. Mein Herz schlägt blau-weiß.“

Dank an Gladbach

Für den eloquenten Preetz ist das so etwas wie ein Freudenausbruch. Er ist keiner dieser Selbstdarsteller, er hat sich nicht vorgedrängt, als alle Spieler zu den Fans liefen, ihre T-Shirts mit dem Aufdruck „Uefa-Cup 2003“ ins Publikum warfen und sich feiern ließen. „Die Auswechslung war nicht abgesprochen“, sagt er später. „Ich denke, der Trainer wollte mir nochmal einen Applaus verschaffen. Mir fällt es leicht abzutreten, weil wir zum fünften mal in Folge im internationalen Geschäft sind.“ Dick van Burik, der holländische Verteidiger, vergisst nicht, andere mit in seinen Dank einzubeziehen. „Wir müssen den Gladbachern dankbar sein. So viel Glück wie heute haben wir kein zweites Mal.“ Borussia Mönchengladbach hat an diesem letzten Spieltag Herthas Rivalen Werder Bremen 4:1 besiegt, dadurch erst haben die Berliner die Qualifikation für den Uefa-Cup geschafft.

Spieler und Fans verschmelzen zur Einheit in diesen Minuten. Huub Stevens, der Trainer, und Dieter Hoeneß, der Manager, halten sich zurück. Sie lassen die Profis feiern. Stevens sitzt später im Presseraum des Olympiastadions und sagt: „Danke an das Berliner Publikum, das in diesem Jahr hinter uns gestanden hat. Kompliment an die Mannschaft. Wie sie sich heute präsentiert und die Herausforderung angenommen hat, das verdient Respekt. Aber mit der Saison selber bin ich nicht zufrieden.“ Dieter Hoeneß denkt ein bisschen anders, ein bisschen optimistischer. „Es war eine sehr schwere Saison. Am Ende kann man mit dem Erreichten zufrieden sein. Wir sind jetzt zum fünften Mal in Folge im internationalen Geschäft. Das verdient Respekt.“

Respekt, genau. Es ist ein Tag, an dem die Hertha-Fans mit allen Profis wieder Frieden schließen, von denen sie sich verraten oder schlecht vertreten fühlten. Wirklich mit allen. Nach dem Spiel trottet auch eine junge Frau aus dem Stadion. Sie trägt ein Hertha-Trikot mit der Nummer 26. Es ist das Trikot von Sebastian Deisler, der seit dem vergangenen Sommer bei Bayern München spielt. Vor zwei Wochen beim Münchner Gastspiel in Berlin war er noch gnadenlos ausgepfiffen worden.

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