Hertha streitet mit Ex-Trainer : Favre wird zum Fall

Hertha BSC ist nach der Schelte des früheren Trainers Lucien Favre nur schwer zu beruhigen – und prüft jetzt sogar juristische Schritte.

Robert Ide,Ingo Schmidt-Tychsen
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Ein lauter Abtritt. Lucien Favres Abschiedsvorstellung hat bei Hertha BSC Bestürzung und Wut ausgelöst. Foto: dpadpa-Zentralbild

Berlin - Am Tag danach sollte wieder Ruhe sein bei Hertha BSC. Beim Training am Mittwoch fiel das Wort Favre nicht – jedenfalls nicht hörbar. Am Dienstag hatte sich der geschasste Trainer Lucien Favre in einer privaten Pressekonferenz über Finanzen und Führung des Vereins mokiert und die Schuld am Absturz auf den letzten Tabellenplatz allen Verantwortlichen zugewiesen, nur nicht sich selbst. Besonders weh tat der neuen Klubführung, dass er den im Streit geschiedenen Manager Dieter Hoeneß lobte und meinte, der Verein habe dessen Abschied nicht verkraftet. Am Tag danach nun wollten alle Verantwortlichen gar nichts mehr sagen – und gerade das sagt so viel aus über die verfahrene Situation bei Hertha BSC.

„Mich interessiert das alles nicht“, behauptete Präsident Werner Gegenbauer. „Unser Problem ist nicht Luvcien Favre, sondern ein verkorkster Saisonstart.“ Aber das ist ja nur die eine Seite der Misere. Die andere Seite ist das öffentliche Bild der Hertha-Führung um den neuen Manager Michael Preetz, das mit Favres Einlassungen über die schlechte Finanzsituation und eine angeblich unabgestimmte Transferpolitik gelitten hat.

Der Verein kündigte gestern an, Favres Auftritt juristisch prüfen zu lassen. „Er ist noch Angestellter bei uns, wir werden mögliche Konsequenzen prüfen“, sagte Preetz. Die Vorwürfe, die Favre in der Schweiz wiederholte, könnten durchaus als vereinsschädigend gewertet werden. Der Vertrag mit Favre, der bis 2011 gilt und den Hertha vor nicht langer Zeit noch vorzeitig verlängern wollte, ist längst nicht aufgelöst; der Trainer nur beurlaubt. Bislang sind sich beide Seiten nicht über die Höhe der Abfindung einig – hier hätte Hertha ein Druckmittel. Aber das alles könnte auch nur eine öffentliche Drohgebärde sein, um Favre von weiterem Gerede abzuhalten. Dass es noch zu grundsätzlichen Verwerfungen kommt, wird in der Vereinsspitze eher bezweifelt. Die meisten wollen das Kapitel Favre schnell beenden und, so das gelingt, vergessen.

Schon nach seinem Auftritt hatte Herthas Spitze Favre zur Rede stellen wollen. Favre soll geantwortet haben, er habe nur helfen wollen, um den Verein zu größeren Investitionen zu animieren. Preetz soll darüber nur fassungslos den Kopf geschüttelt haben. Auch bei der Präsidiumssitzung am Mittwochabend kam man nicht an dem Thema vorbei; die meisten Mitglieder hatten sich schon zuvor fassungslos und bestürzt gezeigt. Viele fragten sich: Warum hat er das getan?

Der Schweizer hatte seine Worte bewusst gewählt und teilweise vom Zettel abgelesen. Flankiert wurde Favre dabei von Beratern, die übrigens auch viele Spieler in Europa betreuen. Bei Hertha vermutet mancher nun, Favres Agentur „4 sports“ wolle es sich nicht mit Dieter Hoeneß verderben und vor allem nicht mit seinem einflussreichen Bruder Uli, dem Bayern-Manager. Die Agentur war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Dieter Hoeneß selbst ließ wissen: „Ich möchte mich zu den Vorgängen bei Hertha gar nicht äußern.“ Aber aus seiner Umgebung ist zu hören, dass er Favres Abschied durchaus bedauert – mehr aber natürlich noch seinen eigenen.

Hertha hat harte Monate zu verkraften: Der als zu mächtig und eigenmächtig eingeschätzte Hoeneß wurde geschasst, die Teilnahme an der Champions Legue verspielt, die besten Spieler verließen den Klub. Fortan blieb neben Jungmanager Preetz nur ein Hoffnungsträger übrig: Lucien Favre. Der stürzte mit dem Team ab, ließ von seinem Kotrainer die Moral der Spieler hinterfragen und schiebt nun die umstrittenen Neuverpflichtungen anderen zu – was nicht nur Preetz erzürnt.

Auch der bislang glücklose Stürmer Artur Wichniarek rätselt, warum Favre nicht an seinem Transfer beteiligt gewesen sein will. „Das ist Quatsch, er hatte sehr viel Macht im Verein“, sagt Wichniarek über Favre. Und er zieht sogar dessen Eignung als Trainer in Zweifel: „Ich weiß, dass ich in Deutschland fast schon 100 Tore geschossen habe. Und ich glaube, Lucien Favre hat das nicht einmal gewusst.“

Ruhige Tage bei Hertha BSC fühlen sich anders an.

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